Wie sich der technische Fortschritt durchsetzt

Wie sich der technische Fortschritt durchsetztZittau, 16. Juni 2022. Von Thomas Beier. Wenn man sich für Entwicklungsprozesse interessiert, dann natürlich auch für solche in der Technik. Die Frage ist nicht nur, wie lange es dauert, bis neue Technologien den Markt erobern, sondern – aus Sicht der Wirtschaft mindestens ebenso interessant – auf welchem Wege ihnen das gelingt. Offenbar hat Werbung dabei den geringsten Einfluss. Doch was entscheidet über Wohl oder Wehe einer technischen Innovation?

Abb.: Auch beim Direktions- und Reportagewagen des Görlitzer Anzeigers machte sich im Laufe der Jahre der technische Fortschritt bemerkbar: Wisch-Wasch-Anlage und Benzinhahnverlängerung zeugen noch heute vom ständigen Ringen um Verbesserungen

Archivbild: © Görlitzer Anzeiger

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Oft dauert es länger, als man denken sollte

Oft dauert es länger, als man denken sollte

Präsenz an den Brennpunkten des Geschehens ist in der modernen Medienwelt entscheidend

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Vom ersten fahrtüchtigen Automobil bis zur industriellen Serienproduktion dauerte es rund 27 Jahre, beim Computer von dessen erstem Exemplar bis zum Heimcomputer an die 40 Jahre.

Wenn Technologie Infrastruktur braucht

Diese beiden weithin bekannten Beispiele verdeutlichen schon die Bremsen für neue Technologien: Vom Motorwagen des Carl Benz als Einzelstück bis zum Serienmodell "Tin Lizzy" (zu deutsch etwa "Blechliesel"), dem Modell T von Henry Ford, vergingen nahezu drei Jahrzehnte, in denen sich nicht nur die Fertigungstechnologie weiterentwickelte, sondern auch die Voraussetzungen entstanden waren, um eine automobilgerechte Infrastruktur zu entwickeln, etwa Händler, Werkstätten und Tankstellen zu etablieren.

Computer wurden erst durch den Transistor massenkompatibel

Anders beim Computer hier war es insbesondere der Siegeszug des Transistors, vor allem in Form integrierter Schaltkreise, der es ermöglichte, die bekannte Computertechnologie in Größe und Stromverbrauch für Privatanwender zugänglich zu machen.

Heute allerdings zeigt sich, dass trotz massenhafter Verbreitung von Computern Kinder und Jugendliche mehr denn je an Technologien herangeführt werden müssen. So hat etwa der Freiraum Zittau mit Hilfe des Fabmobils das Interesse an den MINT-Fächern und den technischen wie auch Ingenieurberufen gefördert.

Vom Luxusgut zur Selbstverständlichkeit…

Für eine klassische Variante, wie sich neue Technologien durchsetzen, stehen die Automobile. Vieles von dem, was heute selbstverständlich ist, war zunächst Luxuslimousinen vorbehalten, etwa elektrische Fensterheber, die Klimatisierung oder Spurhalteassistenten.

…oder auf die Müllhalde der Technologiegeschichte

Anderes wiederum, was einst unter Luxus rangierte, hat sich längst überlebt, etwa die Tonmöbel genannten Kombinationen aus Radio, Plattenspieler und manchmal auch noch Tonbandgerät. Sie wurden erst ein Opfer der Miniaturisierung, den Todesstoß für die “Hifi-Anlagen” als Massenprodukt brachte schließlich die Digitalisierung.

Viele Anwender warten ab

Solche technologischen Ablösungen folgen anderen Regeln: Oft sind es die sogenannten frühen Vögel – die Early Birds – die neue Technologien begeistert aufgreifen und dafür bereit sind, noch vorhandene technische Unzulänglichkeiten trotz hoher Preise in Kauf zu nehmen.

Die meisten Technikverwender verhalten sich jedoch nach dem Sprichwort "Was der Bauer nicht kennt, das isst er nicht!" Das wird bei der Entwicklung von Vermarktungsstrategien gern vergessen. Erst wenn die Produkte besser werden, Erfahrungen vorliegen und sich herumsprechen und dann auch noch die Preise sinken zieht die Masse der Verbraucher nach. Aus heutiger Sicht dient das Abwarten der Ressourcenschonung und damit der Nachhaltigkeit: Warum ein Gerät ersetzen, das seinen Zweck erfüllt, nur weil ein neueres mehr Features bietet oder schicker daherkommt?

Anwendungsfelder manchmal nur in Teilbereichen

Bestimmte Technologien setzen sich nur in einzelnen Anwendungsfeldern durch: Während Bei Pkw die Schließsysteme per Fernbedienung gesteuert werden, die allerdings fast immer die Option zur mechanischen Türöffnung offenlässt, bleiben andere schlüssellose Schließsysteme auf gewerblich Anwender oder Organisationen beschränkt.

So dominiert im Privatbereich trotz aller Unzulänglichkeiten noch immer der herkömmliche Schlüssel, während sich etwa in der modernen Hotellerie berührungs- und kabellose Schließsysteme durchgesetzt haben; hier lassen sich Türen mit einem programmierbaren Transponder öffnen. Das erlaubt nicht nur die Vergabe von Zutrittsrechten, sondern ermöglicht es, Zutrittsprotokolle zu erstellen oder die Arbeitszeit zu erfassen.Interessant ist das nicht für Unternehmen mit sicherheitsrelevanten Bereichen und beispielsweise Behörden.

Nun geht es im Privatbereich nicht darum, das Zutrittsverhalten anderer zu protokollieren, der Vorteil liegt vielmehr in den Kosten, den der Verlust eines herkömmlichen Schlüssels verursachen kann, wenn dieser Teil eines mechanischen Schließsystems etwa in einem Wohnhaus ist und in Folge die Schlösser ausgetauscht werden müssen.

Wenn der Gesetzgeber eingreift

Andere Technologien hingegen setzen sich durch, weil gesetzliche Auflagen die Vorgängertechnologie aufs Abstellgleis führen – etwa bei Abgasreinigungssystemen für Kraftfahrzeuge – oder Fördermittel Anreize für den Kauf einer neuen Technologie geben, wie es aktuell bei der Elektromobilität der Fall ist.

Ein Quasi-Standard lässt sich nicht so leicht ausrotten

Natürlich gibt es bei der Einführung neuer Technologien auch Irrungen und Wirrungen und manch Totgesagte leben länger. So hätte der terrestrische Digitalrundfunk (Digital Audio Broadcasting, kurz DAB, auch geeignet für Satellit und Kabel) den analogen Rundfunk längst ablösen sollen, aber Pustekuchen: Die frequenzmodulierte Ultrakurzwelle (UKW) feiert weiter fröhliche Urständ – nicht zuletzt, weil es sehr viele Empfangsgeräte gibt, aber auch, weil sie die höchste Klangqualität aller Rundfunkmedien bietet.

Das liegt daran, dass gängige digitale Verfahren meist nicht nur auf Datenkompression, sondern auf Datenreduktion beruhen. Vergleichbar ist das dem Verhältnis der analogen Schallplatte zur digitalen Compact Disc (CD), die zwar keine Störgeräusche kennt, jedoch eben nicht so "voll" klingt wie die Mikrorillenscheibe aus Vinyl. Die Krux ist nur: Rundfunkproduktionen und -archive sind längst digitalisiert, die dabei gegebenenfalls "eingesparten" Daten kann der UKW-Sender nicht zurückbringen.

Geburtsfehler lassen sich nicht mehr ausmerzen

Dass sich der Digitalrundfunk so schwer durchsetzt, das hat wohl mit einem Geburtsfehler zu tun. 1995 als DAB gestartet, war die Akzeptanz sowohl bei den Sendestationen wie auch bei den Hörern, gelinde gesagt, durchwachsen und das System drohte zu scheitern. Als dann nach wenigen Jahren auf DAB+ umgestellt wurde, waren die meisten Empfangsgeräte plötzlich wertlos. Das gleich Schicksal erliit DVB-T, das terrestrische Digitalfernsehen, beim Übergang zur Plus-Variante. So etwas vergessen Nutzer nicht so schnell.

Technisch gesehen läuft DAB+ mit einer noch geringeren Bitrate als DAB: Dadurch lassen sich im Multiplexverfahren zwar mehr Sender auf der Frequenz unterbringen, um eine ausreichende Klangqualität zu sichern muss aber tief in die technische Trickkiste gelangt werden.

Mit der Vergabe von Sendelizenzen – Bundesmux genannt – sollte DAB+ attraktiv werden, doch letztlich musste der Gesetzgeber nachhelfen. So müssen seit dem 21. Dezember 2020 in den Handel gelangende Autoradios, die über das Radio Daten System (RDS) verfügen, mit DAB+ ausgerüstet sein. Trotz vieler Vorteile kann von einem DAB+-Durchbruch in der Rundfunklandschaft wohl keine Rede sein, zumal Internet-Radiosender längst als weitere Konkurrenz aufgetaucht sind und als technischen Vorteil aus Sicht der Anbieter einen Rückkanal mitbringen.

Technologie als Basis für Nachrichtenmedien

Schließlich muss ein medienpolitischer Aspekt erwähnt werden, der im Nazireich wie auch in der “DDR” ein wichtige Rolle spielte: Das Hören von “Feindsendern” über die amplitudenmodulierten Frequenzen der Kurz-, Mittel- und Langwelle. Dass diese Rundfunksender weitestgehend abgeschaltet wurden macht es heute Staaten einfacher, ihre Bürger informationstechnisch abzuschirmen.

So hängt Reichweite von Langwellensendern hing ganz maßgeblich von deren Sendeleistung ab, während Kurzwellensender vor allem Nachts durch Spiegelung der Signale an der Ionosphäre trotz geringer Sendeleistung über sehr große Entfernungen empfangbar sind. So waren etwa der Deutschlandfunk auf Langwelle, Radio Tele Luxemburg im 49-Meter-Band der Kurzwelle oder der RIAS – wer es vergessen hat: der Rundfunk im amerikanischen Sektor von Berlin – für die Leute in den für Westfernsehen- und UKW nicht erreichbaren Regionen der “DDR” wichtige Informationsquellen. Heute wird von autoritär regierten Staaten das Internet gefiltert – fertig.

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  • Quelle: Thomas Beier | Fotos: © Görlitzer Anzeiger
  • Erstellt am 16.06.2022 - 20:40Uhr | Zuletzt geändert am 20.06.2022 - 22:19Uhr
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