Das Fabmobil auf Tour

Das Fabmobil auf TourZittau, 7. Juli 2021. Kinder für die MINT-Fächer und zugleich für die Kultur zu begeistern, das man manchem wie die Quadratur des Kreises erscheinen. Doch der Dresdner Constitute e.V. schafft das auf wunderbare Art und Weise mit dem Fabmobil, einem umgebauten Doppelstockbus.

Der Freiraum Zittau e.V. – hier ein Blick in das Wächterhaus auf der Inneren Weberstraße – hatte das Fabmobil erstmals nach Zittau geholt

Archivbild: © Zittauer Anzeiger

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Kinder und Jugendliche im ländlichen Raum brauchen Zugang zu außergewöhnlichen Erlebnis- und Erfahrungsangeboten

Kinder und Jugendliche im ländlichen Raum brauchen Zugang zu außergewöhnlichen Erlebnis- und Erfahrungsangeboten

In der Steinbruchschmiede der Mühlsteinbrüche bei Jonsdorf im Zittauer Gebirge wird Handwerk als Technologie erlebbar

Foto: © BeierMedia.de

In Zittau sind der Freiraum Zittau – auch wenn dessen Webseite vor einem Jahr in den Tiefschlaf gefallen ist – mit seinem Polytechnischen Werkraum, der KleinKunstOase, Kursangeboten und anderem mehr und nicht zuletzt die Hillersche Villa zu nennen, wenn es um Soziokultur und Angebote für alle Altersgruppen geht, die Anregungen vermitteln und den Blick über die kleine Welt vor Ort hinaus weiten.

Tatsächlich sind Jugendlichen im ländlichen Raum – und das nicht nur in Sachsen – vom Zugang zu kreativer Technologienutzung, Digitalkultur und Medienumgang weitgehend abgeschnitten. Es hilft halt auch das schnelle Internet nichts, wenn es die Szene von Leuten, die sich vor Ort dafür begeistern, nicht gibt. "Die zunehmende Abwanderung junger Menschen aus diesen ländlichen Regionen ist somit zugleich Folge und Grund dieser soziokulturellen Unterversorgung", schreibt der Constitute e.V. auf seiner Fabmobil-Webseite, wo er die Mission des Fabmobils als "Raum für angewandte Zukunft" vorstellt.

Das Fabmobil setzt Impulse

Das Fabmobil – erstmals im Jahr 2019 vom Freiraum Zittau in die Stadt geholt – setzt mit seinen Angeboten dort an, wo Kinder und junge Leute ein Gespür dafür zu entwickeln beginnen, was sie aus ihrem Leben machen können. Dazu sind Impulse von außen, also von außerhalb der Region und damit auch von außerhalb der alltäglichen Erlebniswelt von ganz entscheidender Bedeutung. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass in der Oberlausitz bei jenen, die die Umbrüche seit den Neunzigerjahren am eigenen Leibe erleben mussten, ein großer Drang nach materieller Sicherheit und damit auch nach Normierung und Anpassung des eigenen Tuns entstanden ist. Die Krux dabei: Wer sich vor allem an persönlicher Sicherheit orientiert, von dem sind außerordentliche Erfolge kaum zu erwarten.

Immer wieder finden sich Beispiele, wie Kinder eher ausgebremst als ermutigt werden. Da gibt es eine Lehrerin, die Grundschülern ernsthaft erklärt, dass man, wenn es schneit, besser nicht mit dem Auto fahren soll, denn dann könnte man ja ins Rutschen kommen. Wäre es nicht besser, mit den Kindern über Risiken und angepasstes Verhalten zu sprechen? Wie sollen die Kinder sonst durchs Leben gehen, ein Leben, in dem Risiken nicht erst dann lauern, wenn man das Haus verlässt? Für ältere Kinder wäre zudem die Diskussion wichtig, wie man Risiken bewertet und welche man eingehen kann, um Chancen zu nutzen.

Ein andere Beispiel ist ein Schüler, der zur Berufsberatung verkündete, Regisseur werden zu wollen und den Rat bekam, doch lieber erst einmal – am besten in einem großen Betrieb – "einen richtigen Beruf" zu erlernen. Er ist diesem Rat zu seinem Glück nicht gefolgt und heute ein erfolgreicher freiberuflicher Regisseur.

Das ist ein Problem des ländlichen Raums: Häufig fehlen begeisternde Vorbilder und inspirierende Leute. Kinder und Jugendliche passen sich an das an, was sie vorfinden und irgendwann ist ihre Vorstellungskraft dann angeglichen. Deshalb ist es so wichtig, dass Initiativen und Einrichtungen wie das Fabmobil in die entlegeneren Ecken des geliebten Heimatlandes kommen und dort – besonders den Kindern und jungen Leuten – Impulse geben.

Stimulierende Persönlichkeiten und Erlebnisse nötig

Es ist schwierig, in dörflicher Umgebung eine kritische Masse an Gleichgesinnten zu finden, ob es nun um bestimmte kulturelle Interessen oder das Ausprobieren von Technologien geht. Wenn es vor Ort keinen 3D Druckservice gibt, dann kann man das eben vor Ort nicht erleben und hat viel weniger Anregungen, Anwendungen dafür finden; übrigens betrifft das auch Unternehmen. Im Fabmobil hingegen gibt es mehrere 3D Drucker und ist das Prinzip erst einmal verinnerlicht, entstehen Anwendungsideen fast von allein. Lasercuttersystem, Vakuumumformer, auch ganz normales Handwerkzeug und anderes mehr erlebt so mancher ganz unmittelbar erstmals im Fabmobil – wo auch sonst?

Fast überall hat sich der Mix aus Wohnen und Betrieben auseinandersortiert in Wohngebiete und Gewerbegebiete. Wie früher durch die Tür der Schmiede zu schauen und zu erleben, was der Schmied so macht, das gibt es kaum noch. Da muss man sich schon etwa zur Steinbruchschmiede bei Jonsdorf begeben, wenn dort ein Schauschmieden stattfindet. Nur ist das dann eben nicht mehr Teil des Alltags. Es geht, das muss angemerkt werden, nicht darum, alten Zeiten nachzutrauern. Doch das wahre Leben mit seinen Herausforderungen, die jeden ganz persönlich weiterbringen und reifen lassen, findet gewiss nicht nur am Bildschirm statt.

Mehr:
Fabmobil-Termine im Jahr 2021

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  • Quelle: TEB | Foto Wächterhaus: © Zittauer Anzeiger; Foto Schmiede: © BeierMedia.de
  • Erstellt am 07.07.2021 - 16:42Uhr | Zuletzt geändert am 07.07.2021 - 18:37Uhr
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