Energiepreise als Rutschbahn in die Rezession?

Energiepreise als Rutschbahn in die Rezession?Zittau, 21. September 2022. Von Thomas Beier. Schaut man auf die aktuellen Preisentwicklungen für Energie, dann ist absehbar, was noch kommt: Schließlich beeinflusst der Energiepreis ganz maßgeblich viele weitere Kosten von der Rohstoffgewinnung über den Transport und die Verarbeitung zu Halbzeugen und schließlich Endprodukten sowie auch die Vertriebskosten etwa des Einzelhandels.

Abb.: Stromtrasse an der B 99 bei Görlitz-Hagenwerder

Archivbild: © Görlitzer Anzeiger

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Krise kommt immer stärker in den privaten Haushalten an

Nun wird es konkret, die Ankündigung der Strompreiserhöhung hereingeflattert: Die Stadtwerke – es sind im zugrundegelegten Beispiel zwar sächsische, ober keine ostsächsischen – erhöhen den Preis für die Beschaffung und den Vertrieb des elektrischen Stroms zum 1. November 2022 mit einem Schlag um mehr als 66 Prozent, was sich im Kilowattstundenpreis mit einer Erhöhung von reichlich 36 Prozent niederschlägt, weil die anderen Preisbestandteile konstant bleiben.

In absoluten Zahlen: Inklusive 19 Prozent Mehrwertsteuer – deren absoluter Betrag pro Kilowattstunde im realen Beispiel von 5,66 auf 7,71 Cent wächst – steigt der Brutto-Strompreis hier von 35,44 auf 48,27 Cent pro Kilowattstunde! Die Folgen insbesondere für den Arbeitsmarkt, die Bereitstellung von Waren und für Dienstleistungen wie etwa in den Gesundheitseinrichtungen dürften dramatische Ausmaße annehmen.

Krisenmanagement statt Aktionismus nötig

Leider setzt die Bundesregierung den Hebel wieder einmal falsch an – diesmal unter vermeintlich sozialen Aspekten dort, wo Geld lediglich verpufft oder Mitnahmeeffekte provoziert: Neun-Euro-Ticket, Tankrabatt, Einmalzahlungen. Doch damit ist die soziale Beunruhigung, die immer mehr Bürgerinnen und Bürger erfasst, nicht in den Griff zu bekommen; nur Hartz IV-Bezieher können frohlocken, im kommenden Jahr deutlich mehr Bargeld zu bekommen und zu allem Überfluss auch die Heizkosten nicht mehr selbst tragen zu müssen.

Arbeitnehmer müssen zusehen, wo sie bleiben

So richtig gekniffen werden jedoch jene, die bislang noch mehr oder weniger gut von Monat zu Monat über die Runden kommen, nun aber Gefahr laufen, zu Empfängern von Sozialleistungen zu werden. Wer Arbeitnehmer ist, war bereits in den letzten Jahren gefordert, sich vor dem Hintergrund von zunehmender Elektromobilität im Zuge der Dekarbonisierung, abnehmender Braunkohleverstromung und immer öfter praktisch angewendeter Künstlicher Intelligenz gegebenenfalls nach einer zukunftsrobusten Arbeitsstelle umzusehen.

Nun müssen Arbeitgeber aus Arbeitnehmersicht auch danach bewertet werden,


    • wie sie die gesetzlich verordnete Steigerung des Mindestlohns verkraften – es ist ja nicht damit getan, nur den Mindestlohnempfängern mehr Geld zu zahlen, denn auch wer mehr verdient, will den Abstand zum Mindestlohn gewahrt wissen, und

    • ob sie die hohen Energiekosten für Gas oder der im Grunde schon immer hohen Strompreise für den Betrieb stemmen können.

Schon klagen energieintensive und verbrauchernahe Vor-Ort-Branchen wie etwa die Gastronomie, Bäcker und Fleischer über zunehmende Kaufzurückhaltung und damit Umsatzrückgänge, während die eigenen Kosten sprunghaft steigen.

Arbeitnehmer, denen das möglich ist, sind entsprechend gut beraten, wenn sie nach Arbeit suchen, die sicher und gut bezahlt ist. Ganz sicher spielt dabei neben dem Blick auf die Branchen der Arbeitsmarkt in den einzelnen Regionen eine große Rolle.

Gerecht ist nicht, immer mehr umzuverteilen

Eine gerechte Lösung angesichts der hohen Energiepreise besteht nicht darin, Bedürftige immer mehr zu unterstützen, wenn dadurch immer mehr Personen selbst in die Bedürftigkeit rutschen – gerecht ist vielmehr, alle gleich zu behandeln. Wie das geht, zeigen jene Länder, die einen Preisdeckel für Strom und Gas eingeführt haben.

Es existieren Vergleichswerte, wie groß der Energieverbrauch von Haushalten in Abhängigkeit von der Personenzahl ist. Entsprechend könnten bis zu diesen Energiemengen Preisdeckel eingeführt werden – wer mehr verbraucht, zahlt dann eben deutlich mehr. Denkbar wäre ebenso ein Bonussystem, das Einsparungen, die im Vergleich zu den Vorjahren erzielt werden, belohnt.

Wie auch immer: Regelungen dürfen nicht in ein undurchdringbares Dickicht auswuchern, sondern müssen einfach, nachvollziehbar und einleuchtend sein.

Energiemangel ist keine Dauerlösung

Energiesparen ist nur die eine Seite der Medaille und mit der Energie ist es wie mit dem Geld: Durch Sparen ist noch niemand reich geworden, vielmehr muss die Einnahmenseite stimmen. Wer sozial- und wirtschaftsverträgliche Energiepreise will, muss also Energie nicht nur in ausreichender Menge bereitstellen, sondern günstig erzeugen oder beschaffen.

Passend dazu twitterte der Sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer am 12. September 2022: "Die Bundesregierung erweckt den Eindruck, dass man ein Energiesystem aufbauen könnte, nur auf der Grundlage erneuerbarer Energien & noch dazu in kurzer Zeit. Dass wir so nicht nur über Monate, sondern über Jahre diese toxisch hohen Energiepreise haben werden, wird ausgeblendet."

Außenpolitik auf Abwegen

Wer meint, ohne Gegenreaktion einen Lieferanten unter der Maßgabe "Hier brauchen wir ihn noch und da nicht mehr!" boykottieren zu können, muss sich den Vorwurf der Naivität gefallen lassen. Dass Aktionen Gegenreaktionen hervorrufen, gilt auch in der Politik.

In einer vernetzten Welt einzelne Player kaltstellen zu wollen, wird erstens nicht funktionieren und führt zweitens dazu, dass die auf diese Weise Isolierten unberechenbar werden, weil sie nichts zu verlieren haben. Besser ist es, die gegenseitige – nicht eine einseitige – Abhängigkeit zu erhöhen, damit einer ohne den anderen nicht mehr kann.

Mehr:
Interview von Wirtschaft+Markt-Chefredakteur Frank Nehring mit Ministerpräsident Michael Kretschmer über die Situation der sächsischen Wirtschaft im Freistaat, über seine Kritik an der Energiepolitik der Bundesregierung und die Herausforderungen des Fachkräftemangels.

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  • Quelle: Thomas Beier | Foto: © Görlitzer Anzeiger
  • Erstellt am 21.09.2022 - 19:51Uhr | Zuletzt geändert am 21.09.2022 - 20:22Uhr
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