Grotesker Umzug in Zittau

Grotesker Umzug in ZittauZittau, 21. Oktober 2020. Ein Kommentar von Thomas Beier. Am vergangenen Sonnabend zogen sie durch Zittau: Schwarzgekleidete Leute mit einem Sarg auf einem Handwagen. Rufe wie "Wo sind die Toten, wo sind die Kranken?" und "Ihr habt uns 25.000 Tote versprochen!" waren zu hören. Auf mitgeführten Schildern war "Bürgerkomitee Oberlausitz" und "Satire" zu lesen.

Antennen für UKW sowie die beiden "DDR"-Fernsehprogramme: Wurzelt hier ein sich vererbendes mangelhaftes Demokratieverständnis, das abstruse Theorien und Weltbilder hervorbringt?

Foto: © BeierMedia.de

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Weder Kunst noch Satire

Gleich vorweg: Die Aktion war weder Satire noch Kunst, sondern geschmacklos und vor allem dümmlich. Aber da waren doch kluge Leute dabei? War sogar ein Akademiker zu erkennen? Merke: Auch formale Qualifikationen und Abschlüsse bedeuten noch lange nicht, dass eine Persönlichkeit Reife besitzt und Zusammenhänge erkennen kann – genau darauf bezieht sich die Bewertung der Aktion als dümmlich. Wem es aber an Intelligenz und Reife mangelt, von dem kann man weder Kunst noch Satire erwarten.

Der Ruf nach 25.000 Toten – gemeint ist sicherlich die Corona-Pandemie – ist im höchsten Maße menschenverachtend. Aktuell sind deutschlandweit bereits 9.842 Todesfälle im Zusammenhang mit einer Coronainfektion bekannt, Dunkeziffer zuzüglich. Das lässt vermuten, dass bei der Intensität, mit der die zweite Infektionswelle zuschlägt, und in Anbetracht des bevorstehenden Winters die 25.000 Todesfälle erreicht werden. Wie makaber, sich darüber lustig zu machen.

Noch steht Deutschland im Vergleich zu seinen Nachbarländern im Pandemieverlauf relativ günstig da. Sollte das die Ursache für die geringe Akzeptanz des Pandemiegeschehens und seines Gefahrenpotentials, das deutlich über einer Grippewelle liegt, sein? Im Görlitzer Anzeiger bin ich gestern darauf eingegangen, warum viele Leute die Pandemie nicht ernst nehmen.

Ernst nehmen kann man das "Bürgerkomitee Oberlausitz" und seinen Umzug wirklich nicht, auch weil ein Lokalblatt sich der Angelegenheit als "Zittauer Totenzug" widmet und damit wohl – Ja, was nun? – bedeutsam oder satirisch bei seinen Lesern punkten möchte. Ein Komitee zu sein setzt noch immer voraus, gewählt worden zu sein. Bürgerkomitee ist also Unsinn und Bürger sind wir schließlich alle, nur steht der Mummenschanz eben nicht für die Mehrheit der Bürger. Paradox ist eher, dass Leute, die vermutlich lieber auch im Gedränge auf die Mund-Nase-Abdeckung verzichten würden, diese bei der Aktion tragen – besser kann man sich selbst gar nicht ad absurdum führen.

Was der Stadt Zittau und der Oberlausitz insgesamt nicht guttut und auch nicht gerecht wird ist der sich verstärkende Eindruck eines hier verbreiteten Hinterwäldlertums, wie er durch den Sarg-Umzug, die Straßenbegleiter an der B96 oder generell die Verbreitung wirrer Gedanken, was dank sozialer Netzwerke heute jedem möglich ist, gefördert wird.

Wer Zittau kennt, dessen Bild von der Stadt wird sich durch Leute, denen Querulantentum wichtiger ist als substantielle Beiträge, nicht beschädigen lassen. Für mich jedenfalls ist Zittau die authentischste Stadt der Oberlausitz, eine Stadt, die nicht versucht, die Spuren ihrer Vergangenheit zu tilgen, deren Bürgerstolz sich immer wieder in Engagement zeigt und die nicht zuletzt in Kultur und Wirtschaft deutlich besser dasteht, als mancher wahrhaben will.

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  • Quelle: Thomas Beier | Foto: © BeierMedia.de
  • Erstellt am 21.10.2020 - 08:20Uhr | Zuletzt geändert am 21.10.2020 - 12:48Uhr
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