Gequengel und die Medien

Gequengel und die MedienZittau, 17. April 2020. Von Thomas Beier. Wieder hat diese Gruppe in der Region Zittau, die sich jetzt als "Gruppe engagierter Bürger gegen die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie" bezeichnet, viel Zeit investiert, um in einem Schreiben (undatiert, vermutlich von heute) an den Zittauer Oberbürgermeister Thomas Zenker auf fünfeinhalb Seiten auszudrücken, was Mark Twain in einem einzigen Satz sagte: "Als wir das Ziel endgültig aus den Augen verloren hatten, verdoppelten wir unsere Anstrengungen."

Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden Personen wäre rein zufällig und unbeabsichtigt

Foto: stux, Pixabay License

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Ausgewogene Berichterstattung heißt nicht, jede kuriose Meinung zu veröffentlichen

Thema: Corona-Pandemie

Corona-Pandemie

Die Infektionen mit dem neuartigen Coronavirus (SARS-CoV-2) verlaufen pandemisch. Lebensgefahr besteht bei einer Erkrankung an Covid-19 vor allem für Immungeschwächte und Ältere. Vielfältige Maßnahmen sollen die Ausbreitung verlangsamen, um medizinische Kapazitäten nicht zu überlasten sowie Zeit zur Entwicklung eines Medikamentes und eines Impfstoffs zu gewinnen. Im Blickpunkt stehen auch die Wirtschaft und soziale Auswirkungen.

Aber die Schreiber (diesmal ist der Schrieb gezeichnet mit K.L, D.B. und M.W.), einmal Aufmerksamkeit erlangt, möchten nachlegen. Sie benutzen dabei eine Sprache, die intellektuell überlegen wirken möchte, aber nur dreist daherkommt. Da wird der Oberbürgermeister doch allen Ernstes aufgefordert, 48(!) Linkangaben nachzulesen – auf Italienisch, Französisch, Englisch, auch Deutsch. Man darf unterstellen, dass die Absender selbst das nicht getan haben.

Es werden Fragen gestellt, in die Falschaussagen verpackt sind wie jene von Einweisungen in die Psychiatrie (was nicht erfolgt, aber den Eindruck einer psychiatrischen Behandlung von Quarantäneverweigerern hervorruft) oder jene, es gebe "Verbote auf Ausübung der Religionsfreiheit", nur weil Gottesdienste befristet nicht mit persönlicher Anwesenheit stattfinden. Auch Fragen, die gar nicht in den Verantwortungsbereich eines Oberbürgermeisters fallen, werden aufgeworfen. Eine der Fragen greift sogar als Beispiel auf, eine lebensnotwendige Operation eines Krebspatienten würde zugunsten eines Corona-Patienten aufgeschoben – eben nur als Beispiel wird beim Leser der Eindruck erweckt, es sei so. Pfui Teufel!

Es hat keinen Wert, darauf einzugehen, was da noch zusammengeschrieben wurde, weil es keinen Zugewinn bringt, sondern nur Zweifel sät gerade in diesen Tagen, wo eine allgemeine Erleichterung zu spüren ist, dass die bisherigen Antipandemie-Maßnahmen Früchte tragen. Deshalb: Ab in den digitalen Schredder damit. Für die Schreiber jedoch bleibt der Verwaltung wohl nichts anderes übig, als eine tägliche freiwilige Notbetreuung von 7 bis 19 Uhr zu organisieren, wo ihnen zugehört wird, wo sie getröstet werden und sie Gelegenheit erhalten, weitere Schreiben als Ausdruck ihres Denkens zu verfassen. Immerhin: An Bundeskanzlerin, WHO, UNO und die Abfallwirtschaft haben sie noch nicht geschrieben, vielleicht finden sie auch bei Donald Trump Aufmerksamkeit, wer weiß? Es gibt also viel zu tun für alle, die sich nicht anders einbringen wollen.

Wie sich die Medien verhalten

Vor allen die gebührenfinanzierten Medien möchten offenbar den Eindruck meiden, "Staatsrundfunk" zu sein; das sind sie ja auch nicht, genau deshalb werden sie ja über Gebühren finanziert und haben mit den Rundfunkräten Aufsichtsgremien, die über eine ausgewogene Berichterstattung wachen – ganz übrigens im Gegensatz zu "alternativen" Medien, die oft genug Meldungen verbreiten, unter denen sich die stärksten Balken biegen.

Ausgewogene Berichterstattung bedeutet jedoch nicht, dass jede Meinung und Gegenmeinung zu Wort kommt. Medien müssen Meinungsäußerungen auf ihre Substanz prüfen, bevor sie sie weiterverbreiten – das Recht auf freie Meinungsäußerung ist ja kein Recht auf freie Meinungsweiterverbreitung. Aktuell scheinen sich aber viele berufen, ihre Meinung zum Agieren in der Corona-Pandemie kundzutun. Bedenkenträger, Besserwisser, Nixversteher, Demagogen, Kleingeister etc. pp. erleben ihre große Stunde und übertönen jene, die sich mit Substanz und Bedacht äußern.

Aufgabe der Medien wäre es viel stärker, Motive für aktuelle und noch anstehende Beschränkungen zu analysieren, zu hinterfragen und offenzulegen, anstelle einer breit angelegten Für-und-Wider-Diskussion, die wenig fundiert ist, Raum zu geben.

Mehr:
Görlitzer Anzeiger vom 16.04.2020: Coronakrise: Bitte nicht drängeln!

Kulturzuschlag:
Sven van Thom: Schatz halt's Maul

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  • Quelle: Thomas Beier | Foto: stux, Pixabay License
  • Erstellt am 17.04.2020 - 13:56Uhr | Zuletzt geändert am 19.04.2020 - 08:26Uhr
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