Dringender Appell an die Stadt Zittau

Dringender Appell an die Stadt ZittauZittau. Marion Nawroth von der Bautzener Bürgerinitiative "LauenPark“, die zum Oberlausitzer Städtebund der Bürgerinitiativen (OSB) gehört, hat den folgenden Nachtrag (leicht redaktionell bearbeitet) zur Veranstaltung vom 18. Februar 2013 im Kronenkino Zittau geschrieben. Deren Verlauf wertet sie als einen dringenden Appell an die Stadt Zittau.

Anzeige

Erfahrener Stadtplaner zeigt Risiken punktueller Stadtentwicklung

Erfahrener Stadtplaner zeigt Risiken punktueller Stadtentwicklung

Die Albertstraße in Zittau soll zu einem Fachmarkzentrum umgebaut werden. Einzelhändler und Denkmalschützer haben Bedenken.
Fotos Dezember 2007: BeierMedia.de

Den eindrucksvollen Vortrag des Braunschweiger Stadtplaners und Buchautors Dr. Holger Pump-Uhlmann über die Auswirkungen von innerstädtischen Einkaufszentren mit anschließender, mitunter sehr emotionaler Diskussion, ließen sich auch Vertreter von Bürgerinitiativen aus Görlitz und Bautzen (Stichwort "Bautzener Appell“) nicht entgehen. Der bewegte, teils auch hochemotionale Diskussionsabend wurde nur aus Zeitgründen nach 23 Uhr abgebrochen.

Das ist ein deutlicher Appell an die Verantwortlichen in Zittau, diesen Dialog mit den Bürgern und Projektentwicklern weiterzuführen. Herr Pump-Uhlmann kritisierte aus gutem Grund die heutige Stadtentwicklung als eine überwiegende Projektentwicklung, die allein in Abhängigkeit davon erfolgt, welche Fördermittel fließen bzw. was die Investoren - und nicht, was die Städte - wollen. Da oft ein zukunftsfähiger Masterplan fehle, führe das zu einer unbemerkt langjährigen städtischen Stagnation, zu äußerlich wachsendem Häuserverfall und unschönen Brachflächen. Investoren würden erst dann herbei eilen und investieren, wenn sie über die, in städtischen Entwicklungskonzepten getroffenen Zielvorstellungen, z.B. über konkrete Standortentwicklungsabsichten, auch gewisse Planungssicherheit bekommen. Die Erwartungen der Städte nach Erhöhung der Zentralität, Innenstadtbelebung, nach zusätzlichen Arbeitskräften und erhöhtem Steuereinnahmen würden jedoch meist nicht erfüllt.

Die seitens der Entwickler in Auftrag gegebenen Wirkungsanalysen sind eher Prognosen über Chancen und Potenziale, jedoch keine präzise Analyse kommender Effekte auf bisherige Standorte. Die wichtigste Frage für eine Stadt ist daher: In welcher Stadt wollen wir MORGEN leben? Die Antwort erfordert einen sehr frühen Dialog mit den Bürgern, den Bewohnern und ansässigen Unternehmen, weit bevor ein vorhabenbezogener Aufstellungsbeschluss gefasst wird. Aus Erfahrung dauert dieser öffentlich geführte und auf Konsens ausgerichtete Dialog nicht länger als ein halbes Jahr. Dieser Aufwand, mit vielen Beteiligten und interessierten Bürgern über planerische Zielgrößen und verschiedene Alternativkonzepte zu verhandeln, wird derzeit von Stadtverwaltungen noch generell vermieden und als zu schwierig dargestellt. Wenn jedoch die mehrheitliche Akzeptanz gelingt, wird der Aufwand durch eine anschließend zügige und deshalb Kosten einsparende Projektentwicklung und Umsetzung belohnt, wie z.B. in der Stadt Weiden, Fürth und München gelungen ist. Wenn Stadtentwicklung von den Bürgern mitgetragen wird, führt das neben einer verstärkten Identifikation zu mehr Lebenszufriedenheit und einem guten Stadtklima, als beste Medizin gegen weiteren Bevölkerungsrückgang gerade in unserer Region.

Einkaufszentrum als "Zukünftige Brache"

Für das geplante Fachmarktzentrum in Zittau sprach der erfahrene Stadtplaner, der zahlreiche empirische wissenschaftliche Untersuchungen, u.a. für das Land Nordrhein-Westfahlen, die TU Braunschweig und das Deutsche Institut für Urbanistik, durchgeführt hat, eine eindrückliche Warnung aus, die jedoch auch für andere Städte gilt: "Man muss wissen, dass einseitige und auf einen Standort konzentrierte Planungen ihre positiven Wirkungen maximal auf das unmittelbare Umfeld ausüben, bisherige Standorte aber an Attraktivität verlieren und dadurch abgewertet werden. Da EKZ in der Regel nur eine Laufzeit von 20-30 Jahren haben, muss in die Entscheidung für ein Planvorhaben unbedingt die Nachnutzung als "zukünftige Brache" einbezogen werden, jedoch ganz besonders dann, wenn dafür historische Bausubstanz geopfert werden soll. Empfehlenswert sind deshalb immer dezentrale Standortentwicklungen, welche die bestehende Strukturen weiter entwickeln. Auf keinen Fall darf es eine Parküberdachung zwischen Parken und Einkaufen geben!“

Wie entwickelt sich die bereits hohe Feinstaubbelastung?

Des Weiteren stellte er das gegenwärtige Verkehrskonzept in Frage, da Zittau jetzt schon sachsenweit an dritter Stelle in der Feinstaubbelastung steht. Sein Appell an die Verantwortlichen von Zittau: „Eine Stadt muss sich klar werden, was sie will, welche Standorte entwickelt werden sollen und ob das zu Lasten anderer Standorte gehen darf!“ Das Beste wäre sicher eine Vollbremsung des Planverfahrens, um den notwendigen Dialog mit allen Beteiligten und den Bürgern nachzuholen und bleibende Schäden für Zittau’s Zukunft abzuwenden. Dies müsste aber aufgrund der weit vorangeschrittenen Planung gut überlegt werden, inwieweit das möglich ist.

Pump-Uhlmann brachte unter allgemeinem Beifall den überzeugenden Vergleich einer Stadt mit einem Garten: „Kein Gärtner würde die Menge an Dünger, bezogen auf die Gesamtfläche, nur auf einem Stückchen seines Gartens ausbringen!“ Der Oberlausitzer Städtebund der Bürgerinitiativen möchte deshalb den Stadtplanern und Verantwortlichen der Stadt Zittau dringend zu mehr Offenheit und frischem Mut raten, einen weiterführenden ernsthaften Dialog zusammen mit den Bürgern und ansässigen Einzelhändlern, interessierten Unternehmern und Stadtentwicklern zu wagen, denn für Zittau ist das Beste gerade gut genug!

Die Stadt als Lebensraum entwickeln

Da es um mehr als um die nächsten 20 Jahre geht, müssen Entwicklungsvorhaben vor allem die Stadt als Lebensraum für ihre Bürger weiterentwickeln, deren Wohn-, Arbeits- und Lebensqualität sichern und Bestandschutz gewährleisten. Rein auf Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen ausgerichtete Projekte berücksichtigen das nicht. Gerade der Verlust von Identitäts- und Heimatgefühl verstärkt regionale Abwanderungstendenzen.

Welchen Preis also ist Zittau bereit, für den Investor zu bezahlen?

fragt Marion Nawroth von der Bautzener Bürgerinitiative "LauenPark“

Teilen Teilen
Kommentare Lesermeinungen (0)
Lesermeinungen geben nicht unbedingt die Auffassung der Redaktion, sondern die persönliche Auffassung der Verfasser wieder. Die Redaktion behält sich das Recht zu sinnwahrender Kürzung vor.

Schreiben Sie Ihre Meinung!

Name:
Email:
Betreff:
Kommentar:
 
Informieren Sie mich über andere Lesermeinungen per E-Mail
 
 
 
Weitere Artikel aus dem Ressort Weitere Artikel
  • Quelle: red | Marion Nawroth | Fotos: BeierMedia.de
  • Erstellt am 19.02.2013 - 16:44Uhr | Zuletzt geändert am 19.02.2013 - 17:12Uhr
  • drucken Seite drucken
Anzeige