Da habt ihr eure Toten!

Da habt ihr eure Toten!Zittau, 23. Dezember 2020. Keine guten Nachrichten kurz vor dem Heiligen Abend: Im Landkreis Görlitz wie auch deutschlandweit verharrt die Corona-Pandemie auf hohem Infektionsniveau und schon wird erwartet, dass ausgehend davon erneut ein steiler Anstieg der Infektionszahlen erfolgen könnte. Es ist nun eingetreten, was viele nicht wahrhaben wollten, als zu vergleichsweise einfachen Vorsichtsmaßnahmen geraten wurde, die eine Ausuferung der Pandemie verhindern sollten.

Die Stufen zur Zittauer Johanniskirche werden von Coronaleugner missbraucht, um Gottesdienste zu persiflieren. Damit soll die Religionsfreiheit für Proteste ausgenutzt werden

Archivbild; © Zittauer Anzeiger

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Besondere Belastungen bei Bestattungsdiensten und im Krematorium

Thema: Corona-Pandemie

Corona-Pandemie

Die Infektionen mit dem neuartigen Coronavirus (SARS-CoV-2) verlaufen pandemisch. Lebensgefahr besteht bei einer Erkrankung an Covid-19 vor allem für Immungeschwächte und Ältere. Vielfältige Maßnahmen sollen die Ausbreitung verlangsamen, um medizinische Kapazitäten nicht zu überlasten sowie Zeit zur Entwicklung eines Medikamentes und eines Impfstoffs zu gewinnen. Im Blickpunkt stehen auch die Wirtschaft und soziale Auswirkungen.

Es ist noch nicht lange her, als am 17. Oktober 2020 ein unwürdiger Umzug durch Zittau zog und nach den "versprochenen Toten" der Corona-Pandemie rief. Vor der Johanniskirche montags Mummenschanz, als "Andacht" bezeichnet. Es entsteht der Eindruck, als ob sich eine höchst unheilige Allianz von Gegnern der demokratsichen Grundordnung zusammengetan hat, um diese unter Berufung auf demokratische Freiheiten auf breiter Front anzugreifen. Dabei wird sich immer wieder auf hanebüchene Quellen berufen, anstelle selbst nachzudenken, welche Handlungsmöglichkeiten eine offene Gesellschaft angesichts einer Pandemie, die für nicht geringe Teile der Bevölkerung eine tödliche Gefahr darstellt, hat.

Besonders ekelhaft wird es, wenn jegliche humanistische Grundwerte mit Füßen getreten werden und es ist erschreckend, wer alles mittönt. Wer noch vor wenigen Wochen protestierte, weil ihm die gegen die Ausuferung der Pandemie gerichteten Bestimmungen zu hart waren, protestiert heute dagegen, dass zu wenig getan wurden. Das erinnert an Schizophrenie. Aktuell werden in sozialen Netzwerken Texte verbreitet, die Betroffenheit auslösen sollen und zugleich Verwaltung und Anti-Pandemie-Maßnahmen infrage stellen oder angreifen, gern eingeleitet mit den Worten "hier mal was persönlich Erlebtes". Bei näherer Betrachtung erweisen sich solche Texte immer wieder als Fake, aber wer analysiert so etwas schon näher? Da ist es einfacher, weiterzuverbreiten und die Erregung weiter hochzupeitschen. Einer der Absender hat das auf Nachfrage zugegeben, will aber seine Text verändern und weiter verteilen.

Angesichts der Tatsache, dass sich viele Leute um ihre Eltern und Großeltern und andere Verwandte große Sorgen machen oder bereits zu den Leidtragenden gehören, möchte man vielen der Protestierenden, Tatsachenverdrehern und Querulanten zurufen: Einfach mal die Klappe halten – nicht, weil die Meinungsfreiheit eingeschränkt wird, sondern schlichtweg aus Anstand und Solidarität. Doch längst scheint nicht nur in Ostsachen der Riss durch die Gesellschaft so tief, dass ihn zu kitten zur langjährigen Daueraufgabe wird.

An der Belastungsgrenze

Einstweilen aber zeigen sich die Auswirkungen der hohen Infektionszahlen: Im Zittauer Krematorium ist wegen der erhöhten Anzahl von Sterbefällen die Situation angespannt. Es sind sehr viele Verstorbene durch die Bestatter der Städtischen Dienstleistungsgesellschaft (SDG) sowie Bestatter von Partnerunternehmen zur Kremierung vorgesehen. Trotz optimierter Abläufe und konstant arbeitender Technik übersteigt die Anzahl der notwendigen Einäscherungen mitunter die Kapazitäten des Zittauer Krematoriums und die Leistungskraft der Mitarbeiter: Zudem müssen die Totenlagerung, die amtsärztliche Leichenschau sowie die Beurkundung in den Standesämtern erfolgen. Nicht zuletzt muss auch die Ofentechnik weiterhin gewartet werden.

Die Geschäftsführung der SDG hat sich in Absprache mit Oberbürgermeister Zenker nun dazu entschließen müssen, weitere Lagerflächen im Bereich des Hochwasserstützpunkts zu nutzen, um Verstorbene sicher zu lagern und bei Freigabe zur Einäscherung ins Krematorium zu fahren. Für diese Transporte und Umlagerungen werden seit dem 21, Dezember 2020 zusätzliche Mitarbeiter aus der SDG eingesetzt. "Trotz der Sondersituation ist die Lage derzeit noch beherrschbar, muss aber mit Blick auf eine weitere Entwicklung jetzt entsprechend organisiert werden. Mit den vorhandenen Kapazitäten und Möglichkeiten auf dem Urnenhain sollten wir über die Feiertage und den Jahreswechsel kommen", erläuterte SDG-Geschäftsführer Daniel Brendler dazu. Er dankte den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern herzlich für ihr Verständnis und die Mitwirkung in dieser Situation.

Auch Oberbürgermeister Zenker ist sich der dramatischen Situation bewusst: "Die Kolleginnen in unserem Standesamt haben inzwischen Sonderschichten übernommen, um die anfallenden Sterbefälle ordnungsgemäß zu beurkunden. Wir sind organisatorisch an unseren Leistungsgrenzen angekommen und bitten alle Betroffenen um Verständnis." Die Stadt Zittau habe die Situation bereits an den Landkreis Görlitz und den Freistaat Sachsen gemeldet, um gemeinsam Maßnahmen bei einer eventuellen weiteren Verschlechterung der Lage einleiten zu können.

Sterbestatistik dokumentiert Pandemie

Die Stadtverwaltung Zittau hat in ihrem Pressebereich die tagesaktuelle Sterbestatistik der hier betreuten Standesamtsbezirke veröffentlicht. Diwse weist die von sogenannten Coronaleugnern bestrittene Übersterblichkeit im Zuge der Corona-Pandemie nach.

So starben hier beispielsweise
    • im vierten Quartal 2018 insgesamt 151 Menschen,
    • im vierten Quartal 2019 insgesamt 142 Menschen und
    • im vierten Quartal 2020 (bis zum 22. Dezember um 14 Uhr) insgesamt 298 Menschen.

Öffnung des Standesamtes:
Wegen des dringenden Bedarfs wird das Standesamt am 24. und 26. Dezember jeweils von 9 bis 12 Uhr arbeitenm aber ausschließlich Sterbefälle beurkunden. Auch an den Tagen vom 28. bis zum 30. Dezember 2020 hat das Standesamt geöffnet.

Kommentare Lesermeinungen (2)
Lesermeinungen geben nicht unbedingt die Auffassung der Redaktion, sondern die persönliche Auffassung der Verfasser wieder. Die Redaktion behält sich das Recht zu sinnwahrender Kürzung vor.

Da habt Ihr eure Toten

Von O. Bretschneider am 28.12.2020 - 21:12Uhr
Man wird es den Rechthabern nicht recht machen können. Selbst wenn man (leider) recht behält. Reden sie von Freiheit, meinen sie nur die eigene, nicht die der anderen. Selbst wenn sie von Liebe sprechen, reden sie nur von sich selbst. Das Schlimmste ist, dass sie vor lauter Bigotterie und Selbstsucht nicht nur sich, sondern uns alle gefährden. Ihre Arroganz und ihr Narzissmus wirken wie Teflon. Alles perlt ab. Argumente, Zahlen – Nächstenliebe und Demut sowieso.
Wie ein Raser auf der Autobahn. "Macht Platz! Hier komme ich!"

Ich würde gern allen ein gesundes neues Jahr wünschen! Bei manchen aber fällt es mir schwer. Denen wünsch ich aus ihrer Wolke zu fallen, auf den verdammt noch mal harten Boden der Realität. Um dann, mit ein paar Schrammen vielleicht, zu begreifen was da draußen – in den Krankenhäusern, den Altenheimen, den Krematorien – los ist.

Unfassbar

Von Fanni am 23.12.2020 - 17:54Uhr
Ich bin so sprachlos, einfach nur sprachlos.

Wenn die Stadt nicht mal eine Idee hat, wie gegen diese Vollpfosten vorgehangen werden kann, wie ohnmächtig müssen sich erst Bürger, die gerade mit dem Virus infiziert sind und um ihr Leben kämpfen, fühlen.

Ich wünsche allen vernünftigen Menschen ein gesegnetes Fest. Und den anderen – naja, man darf es ja nicht sagen. Aber so 'ne kleine Virus-Wolke, die sich verirrt und mal die Richtigen trifft, wäre vielleicht ein Anfang, um in der Realität anzukommen. Natürlich wünsche ich niemandem etwas Schlechtes.

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  • Quelle: red/TEB | Foto: © Zittauer Anzeiger
  • Erstellt am 23.12.2020 - 14:25Uhr | Zuletzt geändert am 23.12.2020 - 16:13Uhr
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