Hallo Emil, wer soll denn da verrecken?

Hallo Emil, wer soll denn da verrecken?Zittau, 24. Januar 2018. Von Thomas Beier. Das Zittauer EMIL kündigt ein Konzert mit den "East German Beauties" und "Alles.Scheisze" an. Das lässt weniger ein Volksmusik- als vielmehr ein Punkkonzert vermuten. Beide Musikrichtungen haben ihre Fans, sie spiegeln Lebenswelten wider und sind wichtige Beeinflusser (dt. Influencer) darauf, wie wir unsere Welt wahrnehmen. Dass auf dem Werbebild zur Veranstaltung "Deutschland verrecke! ♥" steht, erregt so manches Gemüt.

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Nur schlichte Gemüter regen sich auf – oder ist da mehr?

Nur schlichte Gemüter regen sich auf – oder ist da mehr?

Werbebanner des EMIL Zittau. Wie weit geht die Freiheit der Kunst?

Insbesondere wird geschaut und diskutiert, wer sich für die Kulturveranstaltung interessiert – es ist sehr einfach, auf facebook eine entsprechende Bekundung abzugeben. Wem ein Anbieter besonders sympathisch ist, der macht sowas fast ohne hinzusehen, etwa so, wie Meinungsäußerungen oft sehr schnell wie im Vorbeigehen geliked werden, ohne die Texte wirklich gelesen zu haben.

Nun ist "Deutschland verrecke!" freilich ein Aufreger und kann leicht als Angriff auf die freiheitlich-demokratische Grundordnung interpretiert werden. Entsprechend einige Kommentare auf der EMIL-facebook-Seite: "Aber aufrufen zum Angriff auf Menschen diesen deutschen Staates und deren Sicherheitskräfte sind keine geeigneten Mittel, sondern strafbar", ist dort zu lesen, auch: "Ich find es lustig, wie die linke Szene ihre Hetze immer als Kultur oder Provokation verkauft." Spätestens hier muss das Hintergrundlicht eingeschaltet werden.

Woher "Deutschland verrecke" kommt

Deutschland ist ja schon einmal verreckt, als jene, die glaubten, "für Deutschland" andere Länder verwüsten zu müssen, nicht fähig waren, Deutschland aus dem aussichtslosen Krieg zu retten, sondern bis zum völligen Untergang weitermachten.

Auf diese Zeit und dieses Deutschland, das noch heute in einigen vebohrten Köpfen weiterlebt, bezieht sich "Deutschland verrecke!", es greift bitter-ironisch das auf, was die Sturmabteilungen (SA) der Nazis auf den Straßen skandierte, nämlich "Juda verrecke", treudeutschdoof kombiniert mit "Deutschland erwache!" (Quelle: Zeitzeugen).

Eine andere Interpretation ist der Bezug auf das Gedicht "Soldatenabschied" von Heinrich Lersch, dessen Zeile "Deutschland muss leben, und wenn wir sterben müssen" noch heute auf einem Kriegerdenkmal in Hamburg zu lesen ist. Derlei verkitschte Kriegerromantik in verklärter Landsknecht-Tradition war den Nazis eigen und die Hamburger Punkband "Slime" sang die Antwort: "Deutschland muss sterben, damit wir leben können". Ausführlich dazu hat sich Fred Groeger im Artikel "Deutschland verrecke" bei den Kolumnisten aus Münster geäußert (lesen!).

Kultur darf das...

Zugegeben, alles starker Tobak, aber zugleich der Beweis, wie wenig ein Großteil der Gesellschaft in der Lage ist, Zusammenhänge herzustellen, sich dafür aber im flachen Meinungsstreit schnell hochschaukelt. Um auf die oben zitierten Meinungsäußerungen zurückzukommen: Nein, dieses "Deutschland verrecke!" ist weder ein "Angriff auf Menschen diesen deutschen Staates" noch "Hetze" der linken Szene – es ist schlicht Punk. Punk jedoch ist – wie alle großen kulturellen Strömungen – entstanden als Antwort auf gesellschaftliche Entwicklungen. Man muss Punk ja nicht mögen, um ihm seine Existenzberechtigung zuzusprechen. Kunst muss nicht gefallen (und wenn es Kunst gefällig wird, dann ist sie oft keine mehr). "Das Produkt einer Auseinandersetzung bedarf keiner Ästhetik", steht an der Wand des Ateliers einer Künstlerin in Münster. Stimmt.

...und darf es nicht

Ob allerdings die "East German Beauties" so weit denken? Kaum, denn sie definieren in "east german beauties - beauties heißt angriff" das Deutschland der Gegenwart als Angriffsziel ("Hallo Deutschland, gute Nacht!"). Überhaupt setzt das Video auf billige Erreger. Und gleich der Eingangstext "Du hast 'nen wirklich schönen Bullenschlagstock*), ich hab' ein wirklich scharfes Messer..." (soweit akustisch verstehbar) heißt, vor allem in Kombination mit den Videobildern: Mit Freiheit der Kunst das nichts mehr zu tun, das stinkt nach Aufruf zur Gewalt. Die andere Band des Abends "Alles.Scheisze" bringts zu einem kaum intelligenteren "Deutschland verrecke!"-Text. Beide Daumen runter.

*) Update 29.01.2019: Nach freundlichen Leserhinweisen heißt es nicht "Bullenschlagstock", sondern "Bullenschnauzer", was, wie ein Leser, der sich den Namen des umstrittenen Sowjet-Propagandisten Ilja Ehrenburg gegeben hat, richtig anmerkt, das "wirklich scharfe Messer" in einen anderen Kontext, nämlich den eines Rasiermessers rückt. Auch ein sich nicht namentlich nennendes Bandmitglied hat das richtiggestellt und spricht von einem "Aufruf zur Gesichtsrasur". Toll ist das auch nicht, erinnert es doch fatal an den Zwangshaarschnitt von "Gammlern" in den späten Sechzigern und frühen Siebzigern in der "DDR", also den Versuch, sein eigenes Weltbild mit den damit verbundenen Normen anderen aufzuzwingen.

Was in der Redaktion auffällt: Für eine kostenfreie Konzertankündigung gibt's kein Danke, das wird hingenommen. Kommt es zu einem Fehler (wir hatten die Stelle mit dem "Bullenschnauzer" auf Soundcloud mehrfach gehört und auf die schwierige akustische Verstehbarkeit hingewiesen), wird nicht einfach ein Korrekturhinweis geschickt, sondern gleich mit "Zu blöd zum Recherchieren" eingeleitet. Auch die Aufforderung, sich selbst zu löschen, klingt nicht nett. Mit Praktikanten wäre das nicht passiert.


Konzerttermin:
Freitag, 25. Januar 2019, 21 Uhr,
EMIL, Mandauer Berg 13, 02763 Zittau

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Kommentare Lesermeinungen (3)
Lesermeinungen geben nicht unbedingt die Auffassung der Redaktion, sondern die persönliche Auffassung der Verfasser wieder. Die Redaktion behält sich das Recht zu sinnwahrender Kürzung vor.

ganz ehrlich

Von eastgermanbeauties am 30.01.2019 - 15:50Uhr
eure korrektur ist doch ein witz:

"Toll ist das auch nicht, erinnert es doch fatal an den Zwangshaarschnitt von "Gammlern" in den späten Sechzigern und frühen Siebzigern in der "DDR", also den Versuch, sein eigenes Weltbild mit den damit verbundenen Normen anderen aufzuzwingen."

ihr zieht völlig haarsträubende vergleiche ran, bei der betreffenden zeile geht es einfach nur darum, dass in den letzten jahren der anteil an trägern von bärten die eher der hipsterkultur angehören bei der polizei um einiges gestiegen ist. unter anderem auch schnauzbärte, die wir eher weniger ansprechend finden und deshalb eine rasur anbieten. das ist alles.

desweiteren ist es unmöglich den betreffenden track auf soundcloud gehört zu haben, der findet sich dort nämlich nicht. bleiben also nur youtube, spotify und bandcamp. lediglich bei youtube finden sich die lyrics nicht. in der beschreibung des videos findet sich allerdings der link zu bandcamp und den lyrics.
und immernoch: wenn etwas nicht verstanden werden kann, hilft eine googlesuche oder nachfrage bei den betroffenen ungemein davor falschaussagen zu treffen.

warum wir uns für so eine konzertankündigung bedanken sollten, die uns mangelnde intelligenz und stumpfe parolen vorwirft, ist uns absolut unklar.

Still not believe in Germanys right to exist!

Von Ilja Ehrenburg am 28.01.2019 - 17:29Uhr
Die betreffende Liedzeile erwähnt mitnichten einen "Bullenschlagstock" sondern einen "Bullenschnauzer"! Womit das scharfe Messer in einen gänzlich anderen Kontext rückt, nämlich in Richtung Rasur ebenjenes Bullenschnauzers! Grundgütiger, sitzen bei euch nur Praktikanten in der Redaktion?

btw: Wer anderen minderintelligente Texte unterstellt aber selbst so einen schlecht recherchierten Artikel ins Netz defäkiert, sollte sich doch bitteschön selbst löschen!

zu blöd zum recherchieren

Von eastgermanbeauties am 28.01.2019 - 17:20Uhr
hallo zittauer anzeiger,

wir haben schon beim artikel der sächsischen zeitung zum thema gemerkt, dass recherchieren und lausitzer lokaljournalismus offensichtlich feinde sind. leider ist die recherche aber eigentlich ein wichtiger anteil der journalistischen arbeit und wir würden hier gerne abhilfe verschaffen.
zunächst der kurze hinweis, dass sich selbst der facebookveranstaltung schon leicht entnehmen ließe, dass wir keineswegs eine punkband sind, sondern eine electrotrash-band. dafür war vor allem die sz zu blöd, aber so richtig durchgekommen ist das hier auch nicht.
zweitens gibt es, wenn das gehör es nicht mehr zulässt songtexte zu verstehen, ganz einfache möglichkeiten.
(1) google. auf bandcamp ist unser album ebenfalls veröffentlicht (übrigens auch in der beschreibung des youtubevideos zu finden) und dort sind auch die lyrics hinterlegt. hier der link: https://eastgermanbeauties.bandcamp.com/track/beauties-hei-t-angriff
und hier die fragliche textzeile:
"du hast nen wirklich schicken bullenschnauzer
ich hab ein wirklich scharfes messer "
das ist kein aufruf zur gewalt, sondern ein aufruf zur gesichtsrasur, bei manchen sächsischen cops echt dringend nötig.

zwei: uns fragen. wenn man schon artikel über jemanden schreibt gehört es grundsätzlich eh zum guten ton nach einem statement zu fragen, wenn verständnisprobleme bestehen erst recht.

liebste grüße,

die east german beauties (und was soll an diesem namen bitte nicht volksmusikkompatibel sein?)

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  • Quelle: Thomas Beier | Foto Grafitti: Sarah_Loetscher / Sarah Lötscher, Pixabay, Lizenz CC0 Public Domain; Plakatquelle: EMIL auf facebook
  • Erstellt am 24.01.2019 - 08:11Uhr | Zuletzt geändert am 29.01.2019 - 13:54Uhr
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