Als Designer noch Formgestalter waren

Als Designer noch Formgestalter warenZittau, 4. März 2021. Von Thomas Beier. Im 1989 implodierten Staatswesen, das sich "DDR" nannte, war selbstverständlich auch der Reichtum Mangelware – und dennoch war es offizielle Lesart, dass Kaufkraft abgeschöpft werden müsse. Grund: Es gab viel zu wenig Waren, für die man die Ostmark, die nur angeblich im Zuge der von Honecker propagierten "Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik" erwirtschaftet wurde, hätte ausgeben können. Eine Konsumgüter-Initiative sollte Abhilfe schaffen.

Abb.: Obgleich der Computer im Design längst zum Standard-Werkzeug geworden ist, ist die Handskizze für viele Gestalter der erste Schritt

Symbolfoto: Artem Apukhtin, Pixabay License

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Nutzererfahrungen als maßgebliches Verkaufsargument

So kam es, dass eine recht solide Stereoanlage aus der sozialistischen Produktion durchaus mehrere Monatsgehälter kosten konnte, während Grundbedarfsartikel bis zum Wahnwitz subventioniert wurden. Wofür auch in Zittau die Leute wirklich gern ihr Geld ausgegeben hätten, etwa Dachziegel, Autos, Zentralheizungsanlagen oder Reisen – all das stand in aller Regel bei weitem nicht in ausreichender Menge zur Verfügung.

Viele Waren waren nach der Enteignung privater und halbstaatlicher Betriebe aus den Läden ganz verschwunden – sie wurden nicht mehr hergestellt, denn wo pfiffige Privatunternehmer zuvor Haushaltsartikel produzierten, wurden die nun "Volkseigenen Betriebe" auf den Industriebedarf ausgerichtet. Weil im Ergebnis dieser planwirtschaftlichen Bemühungen generell zu wenig Konsumgüter verfügbar waren, wurden die Industriebetriebe schließlich verpflichtet, nebenher Konsumgüter herzustellen. So produzierte etwa der VEB Waggonbau Görlitz zusätzlich auch Wohnmöbel wie die Schrankwand "Landeskrone '86"; weitere obskure Beispiele nennt ein Bericht von Dr. Klaus-Dieter Schmidt aus Leipzig.

Mit der Entwicklung von Konsumgütern in artfremden Industriebetrieben für die "Initiative Konsumgüterproduktion" wurden meist die dort beschäftigten Konstrukteure beauftragt, deren Designlösungen oftmals eben nur technisch-konstruktive Lösungen waren, wenn sie nicht gleich in spießigen Kitsch abglitten. Andere, auch in der Bundesrepublik anerkannte Spitzendesigner wie der 1934 geborene Clauss Dietel hingegen wurden unter planwirtschaftlichen Bedingungen als damals so genannte Formgestalter immer wieder ausgebremst; legendär sind seine teils mit Lutz Rudolph entwickelten und – heute im Industriemuseum Chemnitz ausgestellten – bis zur Serienreife entwickelten Kompaktwagenentwürfe für Trabant und Wartburg, die wie Vorlagen für die Jahre später gebauten VW Golf, VW Passat und Fiat Ritmo aussehen.

Neue Anforderungen an Produkte

Wer heute etwas verkaufen möchte, hat es ungleich schwerer, die Begrenzung im Markt ist nicht mehr die Verfügbarkeit von Waren und Angeboten, sondern das bei den Kunden zur Verfügung stehende Geld. Im Grunde gibt es für jeden Bedarf bereits mehrere Anbieter und wer einen Bedarf ohne Anbieter entdeckt, darf sich sicher sein: Diese Entdeckung machen auch andere – und schon ist sie weg, die vermeintliche Marktlücke. Der wirtschaftliche Wettbewerb läuft längst nicht mehr darüber, etwas anzubieten, was der Kunde woanders nicht bekommt, sondern er läuft ganz wesentlich über den Vorsprung vorm Wettbewerb. Anders gesagt lautet der Anspruch des Verkäufers: Der Kunde soll Nachteile erkennen oder zumindest befürchten, wenn er nicht bei mir, sondern woanders kauft.

Im B2B-Geschäft wie im B2C-Bereich – ob nun "Business to Business" an gewerbliche Abnehmer oder "Business to Customer" an Endverbraucher verkauft wird: Es geht immer um Nutzen. Wenn Beier Consulting eine Markterschließungsstrategie entwickelt, stehen in diesem Zusammenhang immer drei Fragen im Raum:


    • Spart der Kunde mit dem einzuführenden Produkt Zeit?
    • Spart der Kunde mit dem einzuführenden Produkt Geld?
    • Verschafft das einzuführende Produkt dem Kunden angenehme Gefühle?

Dabei sind die angenehmen Gefühle erklärungsbedürftig: Der Begriff steht für die Sicherheit, "das Richtige" gekauft und nicht zu viel bezahlt zu haben – denn kaum etwas tut mehr weh, als ein gekauftes Produkt kurze Zeit später woanders deutlich preiswerter zu sehen. Angenehm ist es aber auch, sich einen langgehegten Wunsch zu erfüllen oder endlich etwas zu besitzen, was bei anderen längst Standard ist – und mancher konsumiert nur für das ihm angenehme Gefühl, anderen zeigen zu können: Ich kann mir das leisten!

Die Kaufmotive – die übrigens stark psychogenetisch geprägt sind – für den Kauf ein und desselben Produktes können also höchst unterschiedlich sein. Einer kauft wegen eines aufregenden Designs, einem anderen sind die technischen Parameter am wichtigsten und ein Dritter wählt, um auf Nummer sicher zu gehen, ganz einfach das, was die meisten anderen auch gekauft haben

Nutzererfahrungen als maßgebliches Verkaufsargument

Bei technischen Geräten gibt es inzwischen einen aus der Softwareentwicklung stammenden weiteren Aspekt: die Nutzererfahrung. Man könnte auch sagen: die Anwenderfreundlichkeit, sprich die unkomplizierte, möglichst selbsterklärende und gern auch narrensichere Bedienbarkeit von Geräten. Gerade bei neu angeschafften Konsumgütern zeigt die Praxis: Wer studiert schon lange die Betriebs- oder Bedienungsanleitung? Wenn das Gerät vor der Nase steht, wird erst einmal ausprobiert!

Dabei kann man freilich allerhand falsch machen und im schlimmsten Fall ist das Gerät erst einmal hinüber. In bestimmten Bereichen darf das aber nicht passieren. In der Medizintechnik etwa müssen Geräte absolut eindeutig und zuverlässig bedienbar sein, wozu auch die Ablesbarkeit von Anzeigen und Bildschirmen gehört. In der Fachsprache spricht man von der Usability, der Gebrauchsfähigkeit von Geräten. Wer etwa ein bestimmtes Gerät nur sehr selten benutzt, muss, wenn es in der Medizin darauf ankommt, trotzdem sofort damit zurechtkommen.

Wohl jeder saß wohl schon einmal verzweifelt vor einem technischen Gerät, das scheinbar nicht so wollte, wie es sollte oder wo ganz offenbar etwas partout nicht zusammenpassen wollte. Wie zu Hause geduldig zu probieren oder es einfach sein zu lassen, das ist bei der Anwendung von Medizintechnik oder in anderen sicherheits- oder gesundheitskritischen Bereichen keine Option. Wenn Produkte hier erfolgreich sein sollen, müssen die Anwender begeisternde Erfahrungen damit machen, weil nicht nur die Funktion als Basiserwartung gewährleistet ist, sondern das gesamte Erlebnispaket aus Ergonomie, Beschriftung, Haptik etc. pp. perfekt ist.

Genannt wird dieses Fachgebiet User Experience, Nutzererfahrung, kurz UX. Die Bedeutung der UX kann schon angesichts des Erfahrungsaustauschs in Internetforen wie auch Fachkreisen gar nicht unterschätzt werden und so ist es kein Wunder, dass längst spezialisierte Beratungsagenturen etwa im Bereich UX Medizintechnik entstanden sind. Wird das Thema Nutzererfahrung bei der Produktentwicklung von Anfang an berücksichtigt, kann damit eine Selbstverstärkungseffekt vorangetrieben werden: Positive Erfahrungen sorgen für Nutzerbegeisterung und nur begeisterte Anwender empfehlen Produkte von sich aus aktiv weiter – mit Kundenzufriedenheit kann man auf diesem Gebiet keinen Heller mehr gewinnen.

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  • Quelle: Thomas Beier | Foto: Артём Апухтин / Artem_Apukhtin, Pixabay License
  • Erstellt am 04.03.2021 - 08:11Uhr | Zuletzt geändert am 04.03.2021 - 09:35Uhr
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