Einladung zum Festakt am Dreiländerpunkt am 8. Mai 2020

Einladung zum Festakt am Dreiländerpunkt am 8. Mai 2020Zittau, 7. Mai 2020. Morgen jährt sich der Tag der Befreiung der Einwohner des Deutschen Reichs vom Regime der Nationalsozialisten zum 75. Mal. Dass die Befreier aus der Sowjetunion die Freiheit nicht bringen konnten, weil sie sie selbst nicht besaßen, ändert nichts der Tatsache der Befreiung.

Die russische 7,6-Zentimeter M1942 war als leichtes Feldgeschütz konstruiert, wurde aber häufig mit panzerbrechender Munition im direkten Richten eingesetzt. Die dann sehr flache Flugbahn der Geschosse, die doppelte Überschallgeschwindigkeit erreichten, sorgte dafür, dass auf 2.000 Meter Entfernung bei den Beschossenen nach dem Abschussknall fort der Einschlag zu hören war. Deshalb wurde das Geschütz, das auf deutscher Seite auch als Beutewaffe eingesetzt wurde, von den Soldaten "Ratsch-Bumm" genannt. Es handelt sich um ein Symbolfoto – am Dreiländerpunkt stehen keine Kanonen!

Foto: Olga Lit, Pixabay License

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Erinnerung und Aussöhnung – auch das ist Europa

In Kraft trat die bedingungslose Kapitulation am 9. Mai 1945 um 0.01 Uhr. Doch nicht überall war es vorbei: Die Heeresgruppe Kurland mit immerhin noch 208.000 Mann unter Waffen kapitulierte erst am 10. Mai, die Kapitulation auf Kreta folgte am 12. Mai 1945. Am 14. Mai wurde die Armee "Ostpreußen" mit 150.000 Mann übergeben. Eine Überlebengarantie war das Kriegsende in Europa nicht, so wurden nach der Auslieferung des kroatischen Heeres an Jugoslawien erst einmal 80.000 Soldaten und 30.000 Zivilisten umgebracht.

Ein Fauxpas der Zeitgeschichte?

Nur die erzgebirgische Amtshauptmannschaft Schwarzenberg scheint Anfang Mai 1945 von der Weltpolitik vergessen, lediglich die Amerikaner lassen sich kurz sehen. Unter ihrer Aufsicht entstehen die ersten Antifaschistischen Aktionsausschüsse. Am Abend des 11. Mai besetzen 120 Arbeiter das Schwarzenberger Rathaus und schicken den Bürgermeister nach Hause, am nächsten Tag ziehen sich die Amerikaner aus der Region zurück. In Schwarzenberg übernehmen Kommunisten, Sozialdemokraten und Parteilose die Macht, die keine mehr war, und verhaften Naziführer. Es entsteht, was später zur Legende von der Freien Republik Schwarzenberg wird. Das basisdemokratische Experiment endet, als am 26. Juni 1945 die Rote Armee geholt werden muss, um die Versorgung mit Nahrungsmitteln zu sichern. Allerdings reichen die Geschehnisse bis in die Gegenwart, selbst das Bernsteinzimmer und die Lausitzer Neiße spielen eine Rolle, so wird kolportiert.

Der friedliche Einmarsch der Roten Armee und der spätere gutbezahlte Brotwerb in der erst Sowjetischen, später Sowjetisch-Deutschen Aktiengesellschaft WISMUT, die im Erzgebirge Uran abbaute – aus Schacht 2 in Johanngeorgenstadt kam das Uran für die erste sowjetische Atombombe – prägt noch heute bei vielen Erzgebirgern die Erinnerungskultur an diese Zeit. Autoren wie Volker Braun ("Das unbesetzte Gebiet: Im schwarzen Berg) und Stefan Heym ("Schwarzenberg") verarbeiteten die Ereignisse, der Schwarzenberger Filmemacher Udo Neubert drehte mehrere Kurz-Spielfilme, die das Thema surrealistisch aufgreifen (u.a. "Die Tannenbaum-Verschwörung").

Dreiländerpunkt bei Zittau als Symbol eines friedlichen Europas

Dort, wo die Oberlausitz zur Dreiländerregion von Böhmen, Polen und Sachsen wird, hat die Aussöhnung viel Zeit gebraucht. Zu tief saßen die gegenseitig angetanen Grausamkeiten und wohl erst die Enkel der Erlebnisgeneration erleben das Aufeinanderzugehen vorurteilslos als Bereicherung – in einer Zeit, in der allerdings auch nationale Töne Zulauf haben. Auch wenn der Krieg nunmehr ein Dreivierteljahrhundert zurückliegt darf nicht vergessen werden, dass es nationale Überheblichkeit war, die ihm den Boden bereitete.

Im Projekt HEYMAT wird versucht, mit der Person des Schriftstellers Stefan Heym, der als Emigrant in der US-Army gegen die Deutschen kämpfte, und mit Interviews von Flüchtlingen einen neuen Heimatbegriff zu finden. Besonders interessant für die Dreländerregion dürfte das Interview mit Ingo Andratschke, der aus Österreichisch-Schlesien stammt, sein, weil er das dortige Zusammenleben von Tschechen und Deutschen vor und nach dem Krieg beschreibt.

Vor dem Hintergrund der gemeinsamen Geschichte hat es enorme Symbolkraft, wenn sich am 8. Mai 2020 Leute aus Polen, Tschechien und Deutschland am Dreiländerpunkt treffen, um gemeinsam des Endes des großen Mordens und Abschlachtens und der damit einhergehenden Verbrechen vor 75 Jahren zu gedenken.

Die Gedenkveranstaltung beginnt um 12 Uhr. Selbstverständlich werden die jeweiligen Sicherheitsmaßnahmen der Länder berücksichtigt. So dürfen auf der deutschen Seite höchstens 50 Personen unter Beachtung des Mindestabstandes das Areal an Dreiländerpunkt betreten. Weitere Gäste können sich unter Beachtung der Abstandsregeln auf dem Dammweg aufhalten.

Von tschechischer Seite erklingen die drei Nationalhymnen sowie die Europahymne. Währenddessen werden von allen drei Ländern Tauben als Symbol des Friedens aufsteigen. Traditionell werden Kränze aus Flieder in die Lausitzer Neiße gelegt. "Auch wenn uns im Moment die Corona-Prävention in allen drei Ländern nur eine kleine Feierstunde erlaubt, dürfen und wollen wir diesen wichtigen Jahrestag auf keinen Fall vergessen und werden ihn gemeinsam symbolisch begehen," kommentierte der Zittauer Oberbürgermeister Thomas Zenker die ungewöhnlichen Umstände des Festaktes und setzte hinzu: "Ich würde mich freuen, wenn viele Zittauerinnen und Zittauer in das Gedenken einstimmten, auch wenn eine dem Anlass würdige Feier mit vielen Besuchern aktuell nicht möglich ist."

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  • Quelle: red | Foto: OLGALIT / OLGA LIT, Pixabay License
  • Erstellt am 07.05.2020 - 17:30Uhr | Zuletzt geändert am 07.05.2020 - 19:05Uhr
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