Kein Mainstream-Abend in der Hillerschen Villa

Zittau. Zum Auftakt des 14. MandauJazz-Wochenendes erwartete die Besucher eine besondere Mischung: Gemütliche Atmosphäre im Café Jolesch und wilder Großstadtjazz auf dem Dachboden der Hillerschen Villa.

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Die Günther Fischer Band im Kraftwerk Hirschfelde

Vier Drumsticks wirbeln gleichzeitig in den Händen des Schlagzeugers. Wie ein Wiesel wechselt er flink von den Hihats zu der Snaredrum und dann zur Rassel. Die Tolle auf seinem Kopf wippt zu seinen hektischen, eckigen Bewegungen. Zum unkontrollierbaren Beat, den er selber anschlägt. Der Saxophonist starrt auf sein Notenblatt, während er sich krümmt als hätte er Schmerzen, nur um die richtigen, dunklen Töne aus dem Blasinstrument hervorzuzaubern. Seine Finger spannen sich mit einem Beat des Schlagzeugs an. Sausen über die Saxophonknöpfe. Werden wieder lasch. Anspannung. Entspannung. Der Gitarrist kneift konzentriert die Augen zusammen. Wippt hin und her. Fast zwanzig Minuten lang geht das Musikstück bereits, fast 20 Minuten lang kämpfen sich die Musiker durch die Melodien.

Auf dem Dachboden der Hillerschen Villa schaukeln zehn Gäste ihre Köpfe zur Musik, tippen ihre Füße auf den Boden. Die Holzstühle klappern im Takt derjenigen, die stark auf ihren Stühlen herumzappeln. Der Wein schwappt in ihren Gläsern.

Die Musik der Band treibt, sie dröhnt und trotzt. Als modernen, jugendlichen Großstadtjazz hatte Veranstalter Thomas Pilz von der Hillerschen Villa die Berliner Band “Hyperactiv Kid” bei der Begrüßung bezeichnet. Begrüßung zum 14. MandauJazz in Zittau, Freitagabend um 20 Uhr. Der Beginn eines Wochenendes ohne Mainstreammusik in der Stadt am Dreiländereck und ihrer Umgebung. Die Idee dahinter erklärt Veranstalter Pilz: „Egal wie viele Leute kommen, es lohnt sich einfach die Oberlausitz an Berlin, Paris oder Amsterdam anzubinden und das gilt auch für die Musik.”

Seit 1984 gibt es das Event der Hillerschen Villa. Seit 2003 fand der MandauJazz jedes Jahr statt. Insgesamt werden an dem Wochenende rund tausend Besucher erwartet, zum Auftaktabend in der Hillerschen Villa wurde mit hundert gerechnet. Für den Höhepunkt des diesjährigen MandauJazz, die Günther Fischer Band am Samstag im Kraftwerk Hirschfelde gingen bereits im Vorverkauf 150 Karten unter die Leute. Veranstalter Pilz erklärt: “Der ist noch ein bisschen mehr Mainstream als die Musik heute. Heute ist ja eher der Kammermusikabend des ganzen MandauJazz.“

Die Berliner Band “Hyperactive Kid” geht selbst für Jazzmusiker einen unkonventionellen Weg. Sie selbst nennen ihre Musik zeitgenössischen Jazz. Vielleicht deswegen, weil kein typischer Bass ihre Musik begleitet. Dafür ertönt mal Wellenrauschen unter ihren eigenwilligen Melodien, dann klingelt das Xylophon laut und klar zu Saxophon und Gitarre. Ihre Stücke sind bis zu 20 Minuten lang. “Man braucht schon einen längeren Atem, vergleichbar mit Klassikmusik”, sagt Ronny Graupe, der Gitarrist der Band. Er, aber auch seine beiden Bandkollegen ( Phillip Gropper am Saxophon und Christian Lillinger am Schlagzeug) schreiben Stücke für die Band. Momentan ist eine vierte CD der Berliner Jungs in Arbeit. Diesmal soll sie auch als Schallplatte erscheinen.

Ortswechsel. Der staubige Dachboden hat gegen 22 Uhr ausgedient. Jazzig wird es jetzt im Café Jolesch, im Erdgeschoss der Hillerschen Villa. Fast alle Tische sind besetzt. An der Bar reihen sich Besucher wie in einer Perlenschnur auf. Überall plaudern sie leise. Trinken Wein, Bier und Cocktails. Die gedimmten Lampen hüllen alles in ein warmes, gelbes Licht. Es riecht nach Kaffee und kleinen Leckereien. Auf einem kleinen Podest warten Schlagzeug, Keyboard und Saxophon auf ihre Musiker. Das Café Jolesch hat zur „Offenen Bühne“ gerufen.

Wie jeden Monat mindestens ein Mal. Die Offene Bühne findet schon seit circa einem Jahr in dem Café am Ring statt. “Am Anfang hatten wir noch Probleme das Abendprogramm damit zu füllen aber mittlerweile ist das ein Selbstläufer - es wird immer besser”, schwärmt Thomas Pilz von der Hillerschen Villa. “Die Offene Bühne soll Leute dazu einladen in gemütlicher Atmosphäre ihre künstlerische Ader zu zeigen.” Ob Musikstücke, Gedichte oder Kurzgeschichten - jeder kann vorstellen, was er selbst geschaffen hat. Daraus entwickelte sich auch der neue Programmpunkt des MandauJazz, der dieses Jahr zum ersten Mal stattfindet. Die ”MandauJazzSession”, bei der das Publikum mit professionellen, lokalen Musikern, dem “Trio Arabesk”, zusammen für die musikalische Umrahmung des Abends sorgen soll.

Im Gegensatz zur “Offenen Bühne” scheint das aber noch nicht so gut zu klappen. Eine dreiviertel Stunde nach Beginn spielt das Trio aus den Musikern Fritz Wodarczack (Saxophon), Rolf Monitor (Piano, Percussions) und ihrem Kasseler Gast Ludger Rother (Bass, Percussions) noch ohne Unterstützung der Cafébesucher. “Die Leute wissen schon, dass hier viele gute Musiker sitzen. Da ist die Schwelle zum drüberspringen noch mal größer.”, sagt Fritz Wodarczack. Die Musiker spielen die einstudierten Stücke weiter. Zuschauerköpfe swingen. Einige Gäste klatschen im Takt.

Schließlich füllt sich die kleine Bühne doch noch. Karl Strauß von der Trommlergruppe “Balumuna” der Hillerschen Villa greift den befreundeten Musikern unter die Arme. Sitzt an einer Trommel, lauscht mit geschlossenen Augen den Klängen von “Trio Arabesk”. Dann improvisiert er. Erst ganz leise schlägt er auf die Lederhaut der Trommel. Immer Schneller, lauter, sicherer wird sein Takt. Der Keyboarder wechselt von den Tasten zu den Rasseln und steigt in den Beat von Strauß ein. Das Schlagzeug gibt einen zweiten Rhythmus vor. Die Melodien mischen sich immer mehr zu einem dynamischen Musikbrei. Es funktioniert.

“Sorry, dass wir dich heute nur als Aufmacher benutzt haben Karl. Beim nächsten Mal spielst du gleich mit.”, lobt der Schlagzeuger nach fünf Minuten Improvisation. Das Eis scheint gebrochen, denn die Sängerin Veronika Kirchmeier gesellt sich zu den mittlerweile vier Männern auf der Bühne. Kaum ist ihr Mikrofon angeschlossen legen die Musiker wieder los. “Summertime” von George Gershwin stimmen sie an. Die Stimme von Kirchmeier zittert leicht. Einige Zuschauer summen mit. Drehen sich auf ihren Stühlen, um zu sehen, wer singt. Der Auftaktabend sollte nur bis ein Uhr nachts gehen, denn das Wochenende mit allen Veranstaltungen ist hart. Aber die Musiker haben ihren Spaß. „Wir hören erst auf, wenn dann alle heim sind.“


Hingehen!

Sonnabend, 12. September 2009
ab 10 Uhr: Dampfzugfahrt mit der Dixielandkapelle aus Liberec ins Zittauer Gebirge (genaue Fahrzeiten unter www.soeg.de)
ab 20 Uhr: „Günther Fischer Band“ im Kraftwerk Hirschfelde. Abendkasse 25 Euro
ab 22 Uhr: „Triple Espresso“/MandauJazz Nachlese (Rock’n’Roll aus Stuttgart) im Zittauer Jugendclub „Emil“

Sonntag 13.09.2009
11- 14 Uhr: Kinder-Familien-Jazz mit der Bigband Klangfarben e.V. Eintritt frei.

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  • Quelle: /red | Fotos: /Romy Ebert
  • Erstellt am 13.09.2009 - 01:10Uhr | Zuletzt geändert am 13.09.2009 - 01:18Uhr
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