Droht der historischen Villa in Machendorf der Abriss?

Droht der historischen Villa in Machendorf der Abriss?Reichenberg (Liberec), 6. Mai 2021. Nach einer politischen Wende wendet sich nicht alles zum Guten: Der prunkvollen Schwab-Villa in Machendorf (Machnín) – seit dem 1. Juli 1980 33. Stadtteil von Reichenberg – droht der endgültige Verfall. Bereits vor dem letzten Krieg als Mütterfreizeitheim und seit 1955 als Sanatorium für Kinder mit schweren Augenerkrankungen genutzt, steht sie seit mehr als zwei Jahrzehnten leer. Nun möchte Reichenberg gern – neben einer französischen Stadt – im Jahr 2028 Kulturhauptstadt Europas werden. Passt ein verfallendes Kulturdenkmal dazu?

Abb. oben: Besichtigung durch Kaufinteressenten nur in Polizeibegleitung – die Villa Schwab ist einsturzgefährdet

Foto: Stadtverwaltung Reichenberg (Liberec)

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Neues aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten

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Die Schwab-Fabrik im Jahr 1900, als qualmende Schornsteine noch von Prosperität kündeten; links die Villa

Bildquelle: Stanislav Beran

Von Stanislav Beran. Wie am 13. April 2021 bekannt wurde, soll das Areal mit dem ehemaligen Augensanatorium für Kinder in Machendorf am Stadtrand von der Stadt Reichenberg zum zweiten Mal zum Verkauf angeboten. Der Stadtrat genehmigte bereits Anfang diesen Jahres den Verkauf des gesamten Areals. "Das Interesse an dem einzigartigen Sanatorium, für das die Stadt Reichenberg keine Verwendung fand, ist überraschend groß", freute sich Jaroslav Zámečník, Oberbürgermeister von Reichenberg. Das Reichenberger Rathaus warte jetzt auf das beste finanzielle Angebot. Am 21. April 2021 dann die Ernüchterung: Das Reichenberger Rathaus veröffentlichte im Internet eine Meldung mit der Überschrift "Liberec erhielt kein Angebot für das ehemalige Augensanatorium in Machnín. Das Rathaus will erneut ausschreiben."

Für die jetzt schon als Ruine einzustufende Schwab-Villa forderte die Stadt Reichenberg ein Mindestgebot von 20,2 Millionen Kronen, nach heutigem Kurs rund 785.000 Euro. Obwohl sich etwa 40 Kaufinteressenten gemeldet hatten, erhielt die Stadt kein einziges Angebot. Vor der erneuten Ausschreibung soll nun erst einmal Ursachenforschung betrieben werden. "Wir haben zuerst vor, die Leute, die sich bei uns gemeldet haben anzusprechen und zu fragen, ob sie es zu teuer finden oder ob es einen anderen Grund gibt”, so Jiří Mejsnar, Abteilungsleiter im Büro des Oberbürgermeisters. Zu den Kaufinteressenten gehören Immobilienmakler, Privatpersonen und eine Adelsfamilie. Warum sich keiner für die Ruine samst Grundstück – jedenfalls zum geforderten Preis – interessiert, bleibt womöglich ein ewiges Geheimnis. Vielleicht ist die Ruine noch immer zu teuer – oder etwa zu billig?

Das zum Verkauf angebotene Areal mit dem ehemaligen renommierten Augensanatorium befindet sich an der Straße, die von Kratzau (Chrastava) nach Christofsgrund (Kryštofovo údolí) führt. Es ist ein sonniges, flaches Gebiet mit altem Baumbestand und Zugang zur Lausitzer Neiße, teilweise mit einer massiven historischen Mauer eingezäunt, die auch das Areal von der Straße abgrenzt. Die historische Villa bietet einen direkten Blick auf die Ruine der aus dem 14. Jahrhundert stammenden Burg Hammerstein (Hamrštejn).

Das Hauptgebäude, die heutige Ruine der Villa mit der Hausnummer 99, eine ehemals prächtige Familienresidenz, die sich inmitten des als Waldpark angelegten Grundstücks befindet, wurde 1882 für Adolf Schwab, Politiker und Besitzer der Textilfabrik in Hammerstein, gebaut. Schwab wurde am 14. April 1833 in Prag (Praha) geboren. Nach dem er das Gymnasium beendet hatte, wurde er Kaufmann und gründete im Jahr 1860 mit seinem Bruder Gottlieb Schwab seine erste Firma "Brüder Schwab". Seit Gottlieb Schwab im Jahre 1874 aus der Firma ausgetreten war, führte Adolf Schwab das Geschäft unter seinem Namen weiter, zuerst allein, später mit seinen Söhnen. Der Fabrikant gehörte seit dem Jahr 1870 der Prager Handels- und Gewerbekammer an. Von 1873 bis 1885 vertrat er die Kammer im Reichsrat. Von 1885 bis zu seinem Tod wurde ihm ein Mandat der Reichenberger Kammer übertragen.

Die Geschichte der Fabrik und der Villa in Machendorf

1809/10 gründeten Franz Florian Siegmund und Josef Neuhäuser in Reichenberg eine Firma, in der auf acht Webstühlen und unter Heranziehung auswärtiger Tuchmacher mittelfeine und feine Tücher erzeugt wurden. Im Jahre 1826 überließ Christian Graf Clam-Gallas der Firma Siegmund, Neuhäuser & Co. am Fuße der Ruine Hammerstein in Machendorf ein Grundstück, auf dem im gleichen Jahr ein großartiger Fabrikkomplex mit der Feintuchfabrik unter dem Namen “Fabrik Hammerstein”” gebaut wurde.

Zur Zeit ihrer Blüte wurden dort mehr als 300 Arbeiter beschäftigt. Für lange Zeit war sie eine der größten nordböhmischen Textilfirmen mit Vertretungen in Berlin, Konstantinopel, Alexandrien, Triest, Mailand und Prag. So kam schon im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts industrielles Leben in das stille, von der Neiße durchflossene Waldtal unterhalb der Burgruine Hammerstein. Nach einer Reihe von Jahren sah sich die Firma Siegmund, Neuhäuser & Co. durch den schlechten Geschäftsgang veranlasst, den Fabriksbetrieb einzustellen. In die Räume uog für fast zwei Jahre die Stille ein.

Als gegen Ende des Jahres 1874 die in Johannesberg (Janov nad Nisou) bei Gablonz (Jablonec nad Nisou) gelegene, fünf Stock hohe mechanische Weberei der Firma Adolf Schwab bis auf die Grundmauer abbrannte, sah sich Adolf Schwab nach einem neuen geeigneten Platz um. Der Chef der Firma entschied sich für Hammerstein und erwarb zu Beginn des Jahres 1875 die leerstehende ehemalige Tuchfabrik, um hier eine mechanische Baumwollweberei und Spinnerei AG zu gründen. Als der Firmengründer die schön gelegene Fabrik Hammerstein zum ersten Mal besichtigte, lag sie öde und einsam da, fast so still und verlassen, wie das verfallene Bergschloss. Adolf Schwab starb am 19 Januar 1897 in Wien.

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts war die alte imposante Villa angeblich Sitz des Fabrikbesitzers Kleinert. In der Vorkriegszeit – belegt ist das Jahr 1838 – befand sich in der Machendorfer Villa ein Mütterfreizeitheim. Nach der Verstaatlichung wurde hier 1955 – also unter dem kommunistischen Regime – ein Augensanatorium für Kinder aus der ganzen Tschechoslowakei eröffnet.

Auf dem Areal befindet sich auch das architektonisch und historisch interessante Gebäude des Verwalters, das sich in einem guten Zustand befindet. Dieses Gebäude – es ist die Nummer 128 – wird derzeit von einer Familie bewohnt. Zum Areal gehört auch der sogenannte Wachturm, der die Nummer 129 trägt. Das Grundstück mit den beiden Gebäuden ist an das Strom- und an das öffentliche Wasserversorgungsnetz angeschlossen.

Allerdings wurde das zwanzig Jahre lange leerstehende Schmuckstück von Machendorf in den letzten Jahren zum Ziel von Plünderungen. Die Diebe und Vandalen verwandelten das schöne alte Gebäude in eine Ruine; sie haben alles verwüstet und geraubt, was sich irgendwie zu Geld machen lässt. Im Gebäude tropft von vielen Stellen das Regenwasser über die Steinsäulen, die einst den Eingang zu den wertvollen Räumen säumten. Aus der einst prächtigen Residenz ist eine Ruine mit zerschlagenen Fenstern und Türen, beschädigten Wänden, ausgerissenen Böden und Verkleidungen und einem zerfallenen Dach geworden.

Von der Innenausstattung ist praktisch nichts mehr übrig geblieben. Die hölzerne Dachkonstruktion ist vom Holzwurm befallen, die Statik des Hausdaches so stark beeinträchtigt, dass es einzustürzen droht. Es ist ein trauriger Anblick. Im Laufe der Jahre hat sich die schöne Villa in ein Haus des Schreckens verwandelt, das Filmemacher sicherlich begrüßen würden, wenn sie einen Horrorfilm drehen möchten. Das ist die bittere Wahrheit.

Die Villa mit dem gesamten Areal wurde zehn Jahre nach der sogenannten Samtenen Revolution im Jahr 1999 von der Stadt Reichenberg für 1,4 Millionen Kronen an einige Reichenberger Ärzte und den Abgeordneten Miroslav Samek – unter der Bedingung, dass sie hier eine weitere soziale Einrichtung wie zum Beispiel ein Altersheim errichten – verkauft. Die neuen Eigentümer versprachen, das große Gebäude zu renovieren und ein modernes Sanatorium darin zu bauen. Ein Teil des Stadtrats protestierte, aber das Reichenberger Rathaus, das damals von der ODS Partei regiert wurde, setzte sich durch. Renoviert und gebaut wurde nichts, weil der neue Eigentümer angeblich keine Investoren gefunden hat.

Das historische Juwel der Architektur hat einiges mitgemacht. Zwar hat die unter Denkmalschutz stehende Villa zwei Weltkriege und die Zeit der kommunistischen Gewaltherrschaft ohne Schaden überstanden, doch nun droht der alten Villa offenbar der Abriss – ihre Tage scheinen gezählt. Unbegreiflich ist, wie man das geschützte Gebäude so zerfallen lassen konnte! Der Mindestpreis, den jetzt das Reichenberger Rathaus für das Areal und die Ruine der Villa in Machendorf verlangt, liegt gerade einmal bei 529 Kronen (reichlich 20 Euro) pro Quadratmeter – und selbst das erscheint den Kaufinteressenten womöglich als zu viel.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erwartete die deutschen Bewohner von Machendorf das gleiche Schicksal wie die meisten Deutschen im Sudetenland – die Vertreibung aus ihrer Heimat. Ihr gesamter Besitz, ihre Bauernhöfe und der dazugehörige Boden wurden konfisziert. Zu Beginn des Jahres 1945 hatte Machendorf 1.717 Einwohner – davon waren 1.566 Deutsche, die in 213 Häusern lebten. Nach der Vertreibung verblieben nur 230 Deutsche, 1948 hatte Machendorf nur noch 100 deutsche Einwohner. Nach der Machtübernahme der Kommunistischen Partei KSČ in der Tschechoslowakei im Februar 1948 begann die Kollektivierung der konfiszierten Landwirtschaft.

Umgang mit Baudenkmalen

Weil die Stadt Reichenberg in sieben Jahren eine der beiden Kulturhauptstädte Europas werden will, sollen auch bekannte Persönlichkeiten aus dem In- und Ausland helfen. Deshalb sucht sie schon jetzt in der Heimat und bei ausländischen Städten wie Zittau und Augsburg nach Unterstützern. Ob die auch auf den Umgang mit dem historischen Kulturgut achten?

Bilder vom Zustand der Villa Schwab:

Videos:

Stanislav Beran ist freier Journalist und arbeitet als Korrespondent für Zeitungen und Online Medien im deutschsprachigen Raum. Zudem ist er Dolmetscher und staatlich geprüfter Übersetzer. Der Text ist vom Zittauer Anzeiger redaktionell bearbeitet worden.

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  • Quelle: Stanislav Beran | Farbfoto: Stadtverwaltung Reichenberg (Liberec), Bildquelle Schwarz-Weiß-Foto: Stanislav Beran
  • Erstellt am 06.05.2021 - 16:35Uhr | Zuletzt geändert am 06.05.2021 - 18:51Uhr
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