Mikrokosmos Krankenhaus

Mikrokosmos KrankenhausZittau, 26. Mai 2022. Von Thomas Beier. Im Zuge der Corona-Pandemie sind die Krankenhäuser stärker in den Fokus gerückt – und jetzt, da sich die Gesellschaft an relative hohe Inzidenzzahlen bei den Infektionen mit der Omikron-Variante gewöhnt hat, sind sie schon wieder weitgehend aus dem Blickwinkel geraten – zu Unrecht.

Abb.: Ein modernes Krankenhauszimmer kann nur sehr bedingt heimelig wirken

Symbolfoto: Cor Gaasbeek, Pixabay License (Bild bearbeitet)

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Ist der Patient der Duldende oder der Kunde?

Krankenhäuser als Gesundheitsdienstleister sind aus Sicht des professionellen Führungskräfte- und Organisationsentwicklers hochinteressante Organisationen. Betrachtet man ein Krankenhaus als Wirtschaftsunternehmen – und das ist es –, dann ist es die wohl komplexeste Wirtschaftseinheit, die Menschen hervorgebracht haben.

Mancher wehrt sich dagegen, Gesundheitsdienstleistungen unter wirtschaftlichen Aspekten zu betrachten, weil sich eine Konsequenz ergibt: Der Patient – lateinisch für “der Duldende” – wird damit zum Kunden, der bedient werden und hinterfragen will, weil er ja schließlich – wenn auch allermeist über den Umweg seiner Krankenversicherung – dafür zahlt.

Eine Kostenfrage

Ein Krankenhausbetrieb erzeugt enorme Kosten, die beglichen werden müssen, schon hier geht es um Wirtschaftlichkeit. Wer das aus ethischen Gründen ablehnt, der muss sich fragen lassen, wieso dann unversicherte und mittellose Patienten nach einer Notbehandlung wieder auf die Straße gesetzt werden. Genau das passierte vor einiger Zeit einem recht wohlhabenden hochbetagten Herrn nach einem Notfall, bei dem er seine Krankenversicherungskarte nicht dabei hatte. Sein einziger Fehler als Alt-Hippie war, gern Jeans und alte Pullover zu tragen, was ihn aus Sicht des Personals unglaubwürdig machte. Das ist übrigens der eigentliche Punkt, an dem man von Zwei-Klassen-Medizin sprechen muss, wenn eine Behandlung von Äußerlichkeiten abhängig gemacht wird.

Niedergelassene Ärzte verweisen zuweilen darauf, dass bestimmte Geräte, die auch gesetzlich Versicherten zugute kommen, letztlich nur durch die bessere Leistungsvergütung durch Privatpatienten angeschafft werden könnten. Ob allerdings Innovationen wie das elektronische Rezept eine spürbare Effizienzverbesserung mit sich bringen, bleibt abzuwarten.

Wer wirklich solidarisch ist

Wenn es aber um das gesetzliche und das private Krankenversicherungssystem geht, dann ist die Rede vom Zwei-Klassen-System falsch. Den gesetzlich Versicherten wird suggeriert, sie seien eine Solidargemeinschaft, während ihnen verschwiegen wird, dass sie Gesundheitsdienstleistungen auf Kosten der Privatversicherten in Anspruch nehmen.

Wie das? Ganz einfach: Das System der Privaten Krankenversicherung (PKV) finanziert sich selbst ohne Zuschüsse, während die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) mit Steuergeldern subventioniert wird – Steuergelder, die auch von den Privatversicherten aufgebracht werden.

Transparenz

Außerdem mangelt es im gesetzlichen System an Transparenz. Während der Privatpatient eine überprüfbare Rechnung über die erbrachten Leistungen erhält, erfährt der gesetzlich versicherte Patient nichts davon, welche Leistungen auf seinen Namen abgerechnet werden. Die Leistungsabrechnung ist ein weiterer wunder Punkt im wahrsten Sinne des Wortes. Für gesetzlich Versicherte erbrachte Leistungen werden nach einem Punktesystem abgerechnet, das dazu führt, dass die einzelnen Leistungen umso schlechter bezahlt werden, je mehr Patienten von einem Arzt behandelt werden.

Kein Wunder also, dass der Ärztemangel in Wirklichkeit ein Mangel an Sprechstunden ist! Bei Privatpatienten wird die medizinische Leistung übrigens vollständig vergütet und dennoch zahlen Privatversicherte häufig weniger Kassenbeitrag als gesetzlich Versicherte – nicht nur wegen der Solidargemeinschaft, die den, der gesundheitsbewusst lebt und sich bei Kleinigkeiten selbst kuriert demjenigen gleichstellt, der gern mal ein langes Wochenende per Krankenschein genießt. Wenn es einmal zu einer einheitlichen Krankenversicherung in Deutschland kommen sollte, dann bitt’schön orientiert an der PKV.

Die Hygienefrage

Abgesehen von den Kosten spielt im Krankenhaus Hygiene eine überaus wichtige Rolle. Die Vorsorgemaßnahmen insbesondere gegen die multiresistenten Krankenhauskeime stellen jedoch zugleich eine erhebliche Kostenbelastung dar, die nicht gegeben wäre, würde sich jeder Einzelne an die einfachsten Hygienestandards halten.

Es ist unverständlich, wenn mit hohem Aufwand etwa Schieber in der Steckbeckenspüle gereinigt und desinfiziert werden, die simpelsten Regen der Händedesinfektion bei Besuchern in manchen Häusern jedoch nicht durchgesetzt werden. Jeder kann selbst beobachten, dass die vielerorts aufgestellten Desinfektionsstationen unbeachtet bleiben. Aber das ist woanders, etwa im Supermarkt, ja ebenfalls so.

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  • Quelle: Thomas Beier | Foto: corgaasbeek / Cor Gaasbeek, Pixabay License
  • Erstellt am 26.05.2022 - 09:17Uhr | Zuletzt geändert am 26.05.2022 - 10:08Uhr
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