Sich in den großen Trends verorten

Sich in den großen Trends verortenZittau, 16. November 2021. Von Thomas Beier. In der Gesellschaft brodelt es und viele nehmen mit Erstaunen war, was sich auch in Sachsen und der Oberlausitz an Gedankengut von Impfgegnern und Klimaleugnern, Esoterikern, aus der Nazi-Ecke, von Anti-Ökologen, Wissenschaftsleugnern, aus Fremdenfeindlichkeit und Rassismus als gegenseitig kompatibel erweist. In diesen Kreisen, so der Eindruck, wird nach Orientierung gesucht, allerdings ohne sich selbst zu orientieren. Wie ist das gemeint?

Abb.: Diskussion auf Augenhöhe, sich gegenseitig ergänzen und aufeinander aufbauen – Ziel ist nicht der Beweis, der andere habe Unrecht, sondern gemeinsamer Erkenntnisgewinn

Bildquelle: Christine Sponchia, Pixabay License

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Zu welchen Werten und Normen man steht

Mit dem Spruch "Jeder ist der Mittelpunkt seiner Welt!" erntet man schnell Widerspruch, weil flüchtige Zuhörer – und das sind nicht wenige – "Mittelpunkt der Welt" verstehen und entsprechend protestieren und von Arroganz sprechen. Dabei ist doch, der Mittelpunkt seiner eigenen Welt zu sein, die Voraussetzung dafür, in der Gesellschaft und den hier vertretenen Meinungen Orientierung zu finden und die Spreu vom Weizen zu trennen.

Wer aber nicht in sich ruht, nie über seinen eigenen Werte nachgedacht hat und über die zu akzeptierenden und die sich selbst auferlegten Normen im Zusammenleben, sucht Orientierung bei anderen, ohne sich selbst verortet zu haben. Das ist ungefähr so, als würde man mit einem Navigationsgerät unterwegs sein, ohne GPS einzuschalten. Dann wird alles zum beliebigen Ziel, so, wie oft zufällig demjenigen Aufmerksamkeit geschenkt wird, der am lautesten oder am emotionalsten spricht, weil man eben mangels eigener Vorstellungen nicht in der Lage ist, Sinn von Unfug zu unterscheiden.

Drei Grundeinstellungen fürs Leben

Über die Entwicklung von Werten und Normen kann man dicke Bücher füllen, deshalb sollen drei Bereiche, die im modernen Leben wesentlich geworden sind, kurz näher beleuchtet werden. Es handelt sich drei Bereiche, die vielfältige Entscheidungshilfen bieten, wenn man sich nur erst eine Position dazu erarbeitet hat.

1. Nachhaltigkeit

Die Umwelt intakt halten, den Ressourcenverbrauch verringern, mehr Recycling und Wiederverwendung – was nach großen Worten klingt, ist im Alltag einfach: Mülltrennung, Holz statt Plastik, Haltbarkeit statt Mode und schnellem Verschleiß. Ein neulich erlebtes Negativbeispiel sind Balkondielen aus Tropenholz, die ausgetauscht und entsorgt werden, weil sich ein neuer Mieter an kleinen Fehlerstellen stören könnte. Logisch und gut, dass aufmerksame Heimwerker hier ihr Wiederverwertungschnäppchen machen.

Gerade auf Baustellen, wo abgerissen wird, landet immer wieder viel noch verwendbares Material im Abfallcontainer. Noch immer wird viel mit energieintensiv hergestelltem Beton gebaut, eigentlich fast für die Ewigkeit, doch wie oft wird etwa wegen veränderter Nutzungsansprüche vorzeitig abgerissen, um an gleicher Stelle neu zu bauen, mit frischem Beton, versteht sich.

Und manchmal ist Massivbau sogar von Nachteil, wie beispielsweise bei Garagen, wenn die Fahrzeuge mangels Belüftung zu schwitzen beginnen. Wer hier, insbesondere für größere Fahrzeuge wie etwa ein Wohnmobil oder in der Landwirtschaft, lieber eine Zelthalle verwenden will, schlägt gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe: Im Gegensatz zu einem Carport können Zelthallen umgesetzt werden. Unter Umständen ist nicht einmal eine Baugenehmigung erforderlich, ein Fundament soundso nicht. Und ein vollverzinktes Stahlrohrgestell mit lange haltbarer, UV-geschützter PVC-Plane dürfte in der Umweltbilanz wie übrigens auch bei den Kosten besser dastehen als mancher Massivbau.

2. Flexibel und mobil

Eine weitere Orientierung bieten die eigenen Ansprüche an Flexibilität und Mobilität. Nur wer beides vereint, kann Chancen wahrnehmen. Ein Eigenheim zu bauen kann sehr vernünftig sein: Für die Wohnqualität, als Altersvorsorge, um Räume vielleicht flexibel beruflich zu nutzen oder als Ferienwohnung zu vermieten – und es kann die Flexibilität einschränken, weil man nicht einfach einen Mietvertrag kündigen kann.

Und Mobilität kann, wenn sie sich überregional orientiert, in der Dreiländerregion zur Herausforderung werden. Dennoch: Es gibt Handwerker, die haben sich – beispielsweise als Heizungsbauer – rein mobil selbständig gemacht. Statt aufwändiger Werkstatt gibt es nur einen Lagerraum, dafür ein gut ausgestattetes Werkstattmobil.Im Sommer werden damit die Wartungskunden abgeklappert, dort, wo andere Urlaub machen.

3. Ökologisch und gesund

Wer ein wenig darüber nachdenkt, wird schnell darauf kommen, dass zwischen umweltgerechter Lebensführung und gesunder Ernährung ein enger Zusammenhang besteht. Umgekehrt: Massentierhaltung ist weder freundlich zur Umwelt noch gesund für Verbraucher.

Gesunde Ernährung sagt übrigens sehr viel über die Wertschätzung für sich selbst aus – und die wiederum ist ein Ergebnis der Werte und Normen, die man vertritt.

Werte und Normen

Spätestens jetzt müssen beide Begriffe kurz erläutert werden. Normen bezeichnen allgemein anerkannte Regeln, ohne die das Zusammenleben in einer Gesellschaft nicht funktionieren kann. Entsprechend kann die Nichteinhaltung von Normen zu Sanktionen führen, etwa durch den Gesetzgeber, aber auch im sozialen Verhältnis zu anderen.

Ein Beispiel ist in gewisser Weise die Straßenverkehrsordnung, ohne die der Straßenverkehr nicht denkbar wäre. Doch auch hier zeigt sich, dass sich nicht jeder an die gesetzten Normen hält, weshalb eine Sanktionsmacht nötig ist, wie sie das Ordnungsamt beziehungsweise die Polizei darstellt. Hinzu kommt, dass man sich auch selbst Normen auferlegen kann. Das hat für die anderen den den Vorteil, dass man als berechenbar gilt, weil klar ist, in welcher Situation welches Verhalten erwartet werden kann.

Werte hingegen sind der Orientierungsstandard schlechthin. Hier finden sich Grundeinstellungen gegenüber anderen Menschen. Manche Werte werden ganz individuell entwickelt, andere wiederum, wie etwa in Religionsgemeinschaften, übernommen.

Einstellungen diskutieren

Was unsere Gesellschaft spaltet sind übrigens nicht nur die Werte und die Bereitschaft, Normen einzuhalten, sondern vor allem Einstellungen. Scheinbar objektive Wahrnehmungen werden dabei subjektiv gefiltert und verfestigt und treten dann als Sichtweisen, Meinungen und Überzeugungen wieder zu Tage. Eine bedeutende Rolle spielt dabei die selektive Wahrnehmung, die die Bestätigung von Vorurteilen gern annimmt, deren Infragestellung aber ausblendet.

Vor diesem Hintergrund ist jeder gut beraten, seine Einstellungen und Positionen gegenüber den Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft immer wieder auf den Prüfstand zu stellen, für sich selbst und vor allem in der Diskussion. Das geht aber nur, wenn alle Beteiligten eine Vorstellung von ihren Werten, Normen und Einstellungen haben und nicht nur mit Zitaten anderer argumentieren.

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  • Quelle: Thomas Beier | Foto: Sponchia / Christine Sponchia, Pixabay License
  • Erstellt am 16.11.2021 - 08:14Uhr | Zuletzt geändert am 16.11.2021 - 09:14Uhr
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