Szenen-Wechsel

Zittau. Das Gerhart-Hauptmann-Theater wird renoviert und die Schauspieler sind ins Theaterzelt umgezogen. Trotz der neuen Szenerie: Das Chaos bei der Hauptprobe bleibt das Gleiche.

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Das Gerhart-Hauptmann-Theater wird zur Zeltorganisation

Rosa und lila leuchten die Spitzen des Theaterzeltes neben der Zittauer Hauptturnhalle in die Dämmerung. Im Inneren des Zeltes brennen Strahler ein glutrotes Licht auf die Bühne. Acht Schauspieler eilen darauf umher, versetzen Requisiten. Eine tänzelnde Melodie begleitet das Szenario. Umbaupause. Um die Bühne herum liegt alles im Dunkeln: Sechs Stuhlreihen, angeordnet wie im Amphitheater; der mit Kaffeebechern, Milchpäckchen und Blättern beladene Tisch vor der Bühne. Und Regisseur Tim Heilmann, der die Ellbogen auf ein kleines Stück freie Tischfläche stützt. „Wartet mal ganz kurz!“, ruft er zur Bühne. Die Schauspieler hasten weiter. Heilmann springt auf. Dreht sich um und blickt in ein kleines, spärlich beleuchtetes Loch in der Zeltwand - den Technikraum. Er schnellt wieder auf seinen Stuhl. Noch immer dröhnt die Musik. Er greift zum letzten Mittel. „Klick“ macht der Schalter seiner Schreibtischlampe, die sofort grell strahlt. Sein Stift krakelt eilig über ein weißes Blatt Papier. „Haltet doch jetzt mal kurz an. Das war grad die Szene mit der Lichtstimmung“, brüllt er schließlich über die Melodie hinweg. Klack. Die Tischlampe geht wieder aus. Der Regisseur verschränkt die Arme hinter dem Kopf. Szenenwechsel.

Have fun!

„Ich würd’ mich dann hier mal aufhängen.“ Benjamin Petschke steigt auf einen klapprigen Stuhl. Er greift nach der Kapuze seines grünen Jacketts und rüttelt an dem dicken Seil, was von einer Metallstrebe herabhängt. Seinen Kopf steckt er durch die Schlaufe am Seilende. Vosichtig tappt er einen Schritt nach vorn. Lasch zusam-mengefallen, Arme und Beine in der Luft, pendelt er von links nach rechts. Von rechts nach links. Seine Schuhe kratzen an der Stuhlkante. Suchen nach Halt. Daneben kehrt ein schwarz gekleideter Mann in großen Kreisen seelenruhig den Bühnenboden. „Alles klar bei euch Jungs?“, fragt ein großer Mann mit Glatze, Brille und einem grau karierten Pullunder. Kindlich und laut gluckst Tim Heilmann. Hinter den schwarzen Zeltwänden rumort es. Dann drängt ein gedämpftes „Ja“ hervor. Schauspieler Petschke tritt polternd auf die Stuhlfläche. „Wir fangen jetzt an. Arbeitslicht aus. Einlass bitte.“, kommandiert der Bühnentechniker in schwarzer Kleidung. Auf die Stuhlreihen strahlen vier kleine Spots hinab - die Sitzplätze glühen rot. Ganz unten reihen sich die Schauspieler auf wie an einer Perlenschnur. Regisseur Tim Heilmann fläzt sich ihnen gegenüber auf die Holzbühne. Zählt seine Schauspieler lachend durch. „Ich sag nur mal kurz, was wir heute probieren werden, nur das ihr nicht erschreckt. Also das Telefonat - Szene 11 - da war bisher immer Musik. Das haben wir jetzt geschmissen.“, sagt er und rasselt drei weitere Änderungen herunter. Dann setzt er sich an den vollgepackten Tisch, die Hände vor dem Gesicht wie zum Gebet gefaltet. Rutscht auf der vorderen Kante des Stuhles umher. „Okay soweit. Viel Spaß. Have fun!“

Spaß - bei der ersten Hauptprobe des Stückes „Harold und Maude“ im Theaterzelt. Es ist das erste Bühnenwerk, das auf der Ersatzbühne im Zelt gezeigt wird. Noch vier Tage sind es bis zur Premiere am Samstag. Die Geschichte handelt von der Liebesbeziehung eines vernachlässigten Teenagers zu einer lebensfrohen 79-Jährigen. Eine ganze Dorfgemeinschaft stellt sich gegen die Verbindung. Der junge Harold will dennoch heiraten und feiert mit Maude ihren 80. Geburtstag. Doch die plante bereits lange zuvor, an diesem Tag ihrem Leben ein Ende zu bereiten. Und auch Harold kann sie davon nicht abhalten.

Seit dem Baubeginn am Zittauer Gerhard-Hauptmann-Theater haben die Schauspieler das Stück nur in Turnhallen geprobt. Die Haupt- und Generalproben mit Licht, Kostümen und Musik finden aber im Zelt neben dem eigentlichen Theater statt.

Sacht bindet der Junge der alten Frau seine rote Krawatte um die Augen. Eine Geburtstagsüberraschung. „Plopp“ macht die Flasche, Sekt sprudelt. Gläser klirren. Als Nächstes kramt der Junge einen Stab, bestimmt drei Meter hoch, hervor. In seiner anderen Hand baumelt die dünne Schnur. Die Darsteller halten schweigend die Luft an. Ganz oben an der Zeltdecke springt ein kleiner roter Luftballon mit den zuckenden Bewegungen des Schauspielers auf und ab. Mit dem Stab stochert Benjamin Petschke in die Luft. Verheddert sich mit dem Stab in der Technikleiste über ihm. Der Souffleur am Bühnenrand hält seine Textzettel höher, blickt starr darauf. Seine Schultern hüpfen, als er das Kichern anfängt. „Ist schwer zu treffen was?“, sagt Heilmann mit einer ruhigen Stimme. „Schwer zu sehen“, antwortet der Schauspieler leise und genervt - ganz anders als er im Stück spricht. Die Schnur leiert sich um den Stab. Petschke wickelt energisch das Band in die andere Richtung, dreht den Stab in seinen Händen, stochert wieder in die Höhe.
„Hol doch den Ballon weiter runter!“, sagt Heilmann, kritzelt auf ein Papier und legt es zu dem kleinen Stapel, der sich am Tischrand gebildet hat. Die Schauspielerin neben Petschke nimmt die Krawatte ab und stiert nach oben zu dem hüpfenden roten Punkt. Grinst und lacht leise. „Das ist doch zum Kotzen, jetzt blendet mich auch noch dieser Scheinwerfer. Ich seh nichts!“, flucht Petschke.
Die Schauspieler auf der Bühne, die eigentlich gerade schlafen sollten, erwachen aus ihrer Starre. „Gleich hast du es!“, ruft Heilmann und bricht in sein heiteres Glucksen aus, mit dem er sich wie Goofy anhört. Aus dem Technikraum dringt ein Lacher und es klatscht, als würde sich jemand vor Begeisterung auf die Oberschenkel klopfen. Das Kichern im ganzen Zelt übertönt das leise „Patsch“ als der Luftballon zerplatzt. Erst als das kunterbunte Konfetti auf die Darsteller herabsegelt legt sich das Gejauchze: „Der kleine Ballon war ja heute nur die Sparmaßnahme. Die Großen sind einfach sauteuer. Aber mit denen kannst du auch noch mal üben. Jetzt erstmal weiter“, ruft der Regisseur zum Podest hinauf, die Arme verschränkt und weit zurückgelehnt. Seine Stimme ist immer noch ungewöhnlich hoch und zittrig.

Theater im Zelt ist anders

Bis Dezember 2010 dient das Theaterzelt als reguläre Bühne, kann sogar beheizt werden. Technik und Kostüme sind derweil in vier Wohnwagen direkt am Zelt und vereinzelten Orten wie dem Zittauer Heffterbau verschwunden. „Den eigentlichen Unterschied macht aber die Aufführung. Das ist eine ganz andere Herangehensweise.“, sagt Regisseur Heilmann. Die kommt dadurch zustande, dass das Publikum die Bühne von allen Seiten aus sieht. „Außerdem sind große Umbauten nicht möglich. Wir haben nur ein Bühnenbild, was die ganze Zeit stehen bleibt“

Mit einem Schlag erlöschen die Scheinwerfer. Stille. Starre. Für ein paar Sekunden scheint die Zeit anzuhalten. „Okay, Dankeschön“, tönt Heilmanns Stimme durch die Dunkelheit. Das Licht stellt sich wieder auf Einlass, die Stuhlreihen glühen quasi. „Fünfzehn Minuten Pause, dann treffen wir uns zur Kritik. Da wo wir auch Ansprache gemacht haben.“ Aus der Ruhe wird ein turbulentes Murmeln und Treiben. Die Schauspieler springen von der Bühne. Ein Darsteller im Pfarrersgewand stürmt eilig aufeine große Thermoskanne Kaffee zu, die auf einem Tisch prangt. „Och nö. Da können doch niemals 2,2 Liter drin sein!“, mault er und kippt die Kanne in jedwede Richtung um sich zu vergewissern, dass sie wirklich leer ist. Hauptdarsteller Petschke wandelt verträumt durch die Stuhlreihen. Der Rest wuselt hinter die schwarzen Türen in der Zelt-wand. Heilmann steht auf, grinst breit durch das Zelt. Nickt als er die zwei Männer ganz in Schwarz entdeckt, die das Stück unauffällig beo-bachtet haben. Immer mal wieder die Plätze wechselten und an ihren Bleistiften kauten. „Das mit dem Licht war die beste Entscheidung aller Zeiten!“, jubelt ihnen der Regisseur entgegen. „Also insgesamt bin ich ziemlich zufrieden. Ihr?“, fragt er. Die beiden wiegen die Köpfe nach links und rechts, runzeln die Stirn. „Ach ihr Pessimisten“, lacht Heilmann und knipst das Licht seiner Schreibtischlampe an.

Beide Männer setzen sich zu ihm, stöbern eilig in den Notizblättern. Die Bühne leert sich. Ein Requisiteur stolpert über den finsteren Schauplatz. Mit den Fingerspitzen hebt er eine blutige Plastikhand auf und wirft sie in einen großen Wäschekorb voller Gegenstände. Einer der Techniker kehrt den Staub von der Bühne. Die Scheinwerfer blitzen noch einmal auf, dann sind sie wieder aus. Mit einem Krachen landet der Besen auf den Holzdielen. Der Requisiteur zieht eine große Taschenlampe aus seiner Cordhose. Vor der Bühne flüstern der Regisseur und seine Helfer leise aber energisch miteinander. Schütteln die Köpfe. Gestikulieren. Die Arme schnellen zur Bühne, klatschen auf die Tischkante, greifen zu einem Stift und schreiben drauflos. Senken die Köpfe tief über ihre Notizen. Ihr Schreibtischlampenlicht erhellt den Raum. Knallig. So wie die Zeltspitzen, die wie rosa und violette Strahlen in den Himmel ragen.

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  • Quelle: /Romy Ebert
  • Erstellt am 18.09.2009 - 09:48Uhr | Zuletzt geändert am 18.09.2009 - 09:57Uhr
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