Deshalb ist Zittau raus

Deshalb ist Zittau rausBerlin, 24. Januar 2020. Die Städte Chemnitz, Hannover, Hildesheim, Magdeburg und Nürnberg wurden am 12. Dezember 2019 für die zweite Runde im Bewerbungsverfahren um den Titel "Kulturhauptstadt Europas 2025" empfohlen; die Städte Dresden, Gera und Zittau schieden aus. Die Kulturstiftung der Länder und die Europäische Kommission veröffentlichen nun den Juryreport mit der Empfehlung der unabhängigen europäischen Jury.

Zittau als Kulturhauptstadt Europas 2025, das wäre eine große Chance für das frühere ROBUR-Werk gewesen. Doch das (Kultur)Leben geht weiter im Herzen Europas, dort, wo Westeuropa manchmal so verdammt weit weg ist

Archivbild: © Zittauer Anzeiger

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Thema: Zittau – Kulturherzstadt Europas

Zittau – Kulturherzstadt Europas

Zittau hatte sich mit der Dreiländerregion Oberlausitz um den Titel "Kulturhauptstadt Europas 2025" beworben und ist nun Kulturherzstadt.

Der Report ist online verfügbar und will die Entscheidung der Jury für die Shortlist erklären und begründen.

So ging die Jury vor

Bis zum 30. September 2019 mussten die Bewerberstädte ihre 60-seitigen Bewerbungsbücher (bid book 1) einreichen. Auf Grundlage der bid books und der Präsentationen der Bewerberstädte vor der europäischen Jury am 10. und 11. Dezember 2019 hatten die Jurorinnen und Juroren am 12. Dezember 2019 entschieden, welche Städte für die Shortlist empfohlen werden.

Die europäische Jury hat die Bewerbungen der acht deutschen Städte maßgeblich anhand folgender sechs Kriterien bewertet:

  1. der Beitrag der Bewerbung zu einer langfristigen Kulturentwicklungsplanung der Stadt ("Beitrag zur Langzeitstrategie")
  2. die "Europäische Dimension" des geplanten Kulturhauptstadt-Programms
  3. die Stimmigkeit des Gesamtprogramms und die künstlerische Qualität ("Kulturelle und Künstlerische Inhalte")
  4. die "Umsetzungsfähigkeit" eines ganzjährigen Kulturfestivals der Bewerberstadt
  5. die "Erreichung und Einbindung der Gesellschaft"
  6. der Nachweis geeigneter Strukturen zur Steuerung- und Durchführung durch die "Verwaltung"

Das sagt der Report über die Zittauer Bewerbung
(Übersetzung aus dem Englischen: Zittauer Anzeiger, ECoC ist die European Capital of Culture / Europäische Kulturhauptstadt)

Das Leitmotiv von Zittau für die Dreiländerregion 2025 lautet "365°LIFE". Die ECoC wirde eine ländliche Region fernab der großen Ballungszentren im Dreiländereck zwischen Deutschland, die Tschechische Republik und Polen umfassen.

Die Stadt Zittau hat im Mai 2019 kulturpolitische Richtlinien verabschiedet. Sie ist derzeit auf halbem Wege im Prozess der Entwicklung ihrer Kulturstrategie. Dieser Prozess berücksichtigt auch die "Leitlinien für die kulturelle Entwicklung" des Kulturraums Niederschlesien-Oberlausitz. Das Bid-Book liefert diesbezüglich recht allgemeine Informationen. Es ist daher schwierig, zwischen der allgemeinen kulturellen Entwicklung und den spezifischen Zielen der ECoC zu unterscheiden. Die Entwicklungsvision für Zittau und die Dreiländerregion war nicht übersichtlich dargestellt. Der Aufbau von Kapazitäten wird im Bid-Book nicht beschrieben, was eine wichtige Schwäche, insbesondere angesichts des ehrgeizigen Plans zur Beteiligung drei benachbarter, aber sehr unterschiedlicher Länder am ECoC-Projekt. Das Angebot enthält einige vorläufige Pläne für die Evaluierung sowie erste Ideen für externe Partnerinstitutionen in dieser Hinsicht. Die Idee, die wirtschaftlichen, ökologischen, sozialen und kulturellen Einflüsse des ECoC-Projekts zu untersuchen. ist – obwohl interessant – unklar und die europäische Dimension wird in der Studie nicht berücksichtigt. Aus dem Antrag geht jedoch klar hervor, dass die Stadt positive Schritte zur Entwicklung ihres kulturellen Profils gemacht hat und diese Schritte sind es wert, fortgesetzt zu werden.

Zittau mit der Dreiländerregion hat ein großes Potenzial, auf einem bereits bestehenden eine formelle und non-formelle, grenzüberschreitende Zusammenarbeit aufzubauen. Das Potential der geographischen und die soziale Reichweite des ECoC-Projekts war jedoch nicht klar operationalisiert. Der Antrag beabsichtigt, die Zusammenarbeit zwischen den drei Ländern zu entwickeln, aber dieses Ziel ist in den ECoC-bezogenen Aktionen und künstlerischen Plänen nicht sichtbar. Es wurde keine (überzeugende) Erklärung über die Auswahl der "Partnerländer" für das kulturelle und künstlerische Programm gegeben. Folglich konnte die Jury nicht beurteilen, auf welche Weise diese Partner die Mission der ECoC unterstützen oder stärken können. Die vom ECoC behandelten europäischen Themen sind nicht zufriedenstellend erklärt und es gibt keine sichtbare Strategie, um Anziehungskraft auf europäische und internationales Publikum (auch aus den Nachbarländern) zu entwickeln. Das Gremium war der Ansicht, dass die die Erfahrungen der vergangenen und gegenwärtigen ECoCs nicht sorgfältig genug untersucht wurden, um Zittau in sein Angebot einzubeziehen. Die Idee, die Zusammenarbeit mit Partnerstädten auszuweiten, ist ein positives Element, aber auch eine Standard-Vorgehensweise.

Nach Ansicht des Gremiums war der gesamte Programmansatz im Antrag nicht spezifisch genug, um einen Eindruck von den kulturellen und künstlerischen Ambitionen von Zittau 2025 zu vermitteln. Die konzeptionellen Richtlinien: "Erinnern", "Lernen", "Erleben" und "Schaffen" sind im Allgemeinen angemessen, aber die Themen von "365°LIFE" und "365°EUROPE" sind zu geheimnisvoll. Der Plan, 2025 jeden Monat ein anderes Land einzuladen, um sich zu präsentieren, garantiert weder ein kohärentes künstlerisches Programm, noch erweitert er die internationale Zusammenarbeit der regionalen und lokalen Künstler. Zwölf thematische Schwerpunkte, anstatt eine Gelegenheit, die europäische Vielfalt zu zeigen, zu bieten, kann zur Stärkung kultureller Stereotypen beitragen. Die vorgeschlagene Programmstruktur ist zu tiefgehend für das ECoC-Projekt, sogar für die Vorauswahl.

Das Angebot wird durch eine Absichtserklärung unterstützt, die bislang von 20 Gemeinde- und Stadtpartnern unterzeichnet wurde. Und Zittau war zuversichtlich, dass noch weitere folgen werden. Das Engagement der regionalen Behörden ist jedoch unklar. Es gibt einige mutige Investitionspläne mit der Umwandlung der leerstehenden Industrieanlage von Robur in einen Ort der Erinnerung und des Dialogs, die Schaffung eines Europäischen Kreativitätszentrums und die Idee, zwölf Architekten zu bitten, innovative Konzepte für zwölf leere Parzellen zu entwickeln. Diese Ideen sind es wert, entwickelt und umgesetzt zu werden. Was die Unterbringung und die Transportmöglichkeiten betrifft, so war das Gremium nicht überzeugt von der Fähigkeit der Bewerberstadt und der Region, eine potejzielle Steigerung in der Anzahl der Besucher, die sich aus dem ECoC-Titel ergibt, aufzunehmen.

Das Gremium begrüßt, dass die lokale Bevölkerung in einem Referendum und einem vorausgegangenen Junior-Referendum den Wunsch geäußert hat, dass die Stadt sich um den Titel der ECoC bewirbt. Die Bürgerinnen und Bürger trugen mit Projektideen dazu bei und bildeten einen Freundeskreis, was ein deutliches Signal ist, dass die lokale Bevölkerung nach kulturellen Möglichkeiten sucht. Ein weiterer positiver Schritt ist die Organisation einer regionale Ideenkonferenz mit Teilnehmern aus der unabhängigen und der institutionellen Kunstszene sowie aus dem Bildungs-, Politik- und Wirtschaftsbereich des gesamten Kulturraums. Dieser Ansatz ist ein sehr positiver und angemessener Ansatz. Er ist jedoch nicht in konkrete ECoC-Pläne umgesetzt worden. In Bezug auf die Entwicklung der Besucherzahlen gibt es bereits Möglichkeiten für benachteiligte Gruppen und den Willen, Minderheiten einzubeziehen. Aber im Allgemeinen sind die Ideen zur Entwicklung der besucherzahlen zu einfach und gehen nicht darüber hinaus, sich an ein lokales Publikum wenden.

Das vorgeschlagene Budget beträgt 45.710.000 Euro. Die erwarteten Beiträge des Freistaates Sachsen und von der Bundesregierung belaufen sich auf 22.270.000 Euro bzw. 20.000.000 Euro. Diese Beiträge sind recht hoch, wenn man bedenkt, dass der Antrag Interessenvertreter nicht nur aus einem, sondern aus drei Ländern einbezieht. Der Beitrag der Stadt Zittau ist mit 1.010.000 Euro minimal (d.h. 2,3 Prozent der Einnahmen aus dem öffentliche Sektor), während es keine Hinweise auf den potenziellen Beitrag der beiden weiteren beteiligten Länder gibt. Die Pläne für Kapitalinvestitionen sind hoch – 185.790.000 Euro – , aber durch die mögliche Verwendung von EU-Regionalfonds möglich. Die Managementstruktur ist nicht kohärent mit dem kulturellen und künstlerischen Programm und dem Konzept der Einbeziehung von drei Ländern. Die Marketing- und Kommunikationspläne spiegeln eher die aktuelle regionale Praxis wider als Aspekte, die mit der Sichtbarkeit eines Projekts von der Größe und dem Umfang einer Europäischen Kulturhauptstadt zusammenhängen.

Fazit

Die Jury empfiehlt nicht, dass die Bewerbung von Zittau in die Endauswahlphase geht. Die Jury würdigte die wichtige Arbeit, die in dieser Grenzregion seit 1945 geleistet wurde und den Willen, die gegenwärtigen regionalen Komfortzonen zu verlassen. Zittau hat wichtige Geschichten über die grenzüberschreitende Schwierigkeiten und die Zusammenarbeit zu erzählen, von denen ganz Europa lernen könnte. Das Panel würdigte den Enthusiasmus und die Energie des Projektteams, das Engagement der Bürgermeister sowie die künstlerischen und erzählerischen Elemente der Präsentation.

Sie war jedoch der Ansicht, dass das Bid-Book unterentwickelt war. Das lokale Potenzial (zum Beispiel starke kulturelle Akteure in der Region) wurde in den Plänen der ECoC nicht vollständig berücksichtigt. Nach Ansicht des Gremiums scheint die Region noch nicht über die erforderlichen Kapazitäten zu verfügen, um eine einjährige ECoC in der erwarteten Größe und dem erwarteten Umfang durchzuführen. Das Gremium möchte das Team, die Stadt Zittau und die Dreiländerregion ermutigen, aus den Vorbereitungen für die ECoC Nutzen zu ziehen und weiterhin in die Kultur als Schlüsselelement ihrer territorialen Entwicklung zu investieren. Die Jury hofft, dass die Bemühungen um die Fertigstellung und anschließende Umsetzung einer umfassenden regionalen Kulturstrategie unter Einbeziehung eines breiteren Spektrums von Interessengruppen (insbesondere der Kultursektor) und der Bevölkerung des gesamten Gebiets fortgesetzt wird.
(Ende des Zitats aus dem Report)

Die Shortlist-Städte Chemnitz, Hannover, Hildesheim, Magdeburg und Nürnberg haben nun bis zum 31. Juli 2020 Zeit, ihr Bewerbungsbuch weiterzuentwickeln und auf 100 Seiten zu konkretisieren (bid book 2). Die Städte werden in diesem Jahr von einem Teil der Jurorinnen und Juroren vor Ort besucht. Die Begehungen und das bid book 2 werden in einer Endauswahlsitzung im Herbst 2020 in die finale Entscheidung der europäischen Jury einfließen. Im Anschluss an die Endauswahlsitzung wird die Jury eine deutsche Stadt für den Titel „Kulturhauptstadt Europas 2025“ empfehlen. Die Kulturministerkonferenz (Kultur-MK) ernennt dann bis spätestens Ende 2020 im Benehmen mit der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien eine Stadt zur "Kulturhauptstadt Europas 2025". Erfüllt die designierte Kulturhauptstadt ihre in der Bewerbung eingegangenen Verpflichtungen, wird ihr am Ende der Monitoring-Phase (bis Frühjahr 2025) der mit 1,5 Millionen Euro dotierte Melina-Mercouri-Preis verliehen.

Neben Deutschland ist auch Slowenien berechtigt, für das Jahr 2025 eine Europäische Kulturhauptstadt zu stellen.

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  • Quelle: red | Foto: © Zittauer Anzeiger
  • Erstellt am 24.01.2020 - 13:01Uhr | Zuletzt geändert am 24.01.2020 - 14:01Uhr
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